MARLENE HAAS

Was verstehst Du/Sie unter fairem und nachhaltigem Wirtschaften?

Im IHK Gesetz ist der Auftrag formuliert, „für Anstand und Sitte des ehrbaren Kaufmanns zu sorgen“, damit gemeint sind aus langer Tradition heraus Tugenden wie bspw. Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Loyalität und Respekt gegenüber seinen Anspruchsgruppen.

Die IHK Frankfurt am Main hat ihr Verständnis modifiziert. Denn die Haltung des ehrbaren Kaufmanns kennzeichnet zwar den Umgang mit der Verantwortung, die Unternehmen gegenüber Umwelt und Gesellschaft haben, doch dies hat nicht zwingend Einfluss auf das Geschäftsmodell und die Geschäftspolitik selbst.

Nachhaltiges Wirtschaften verstehen wir als einen Prozess, in dem Unternehmen ihr Kerngeschäft wirtschaftlich erfolgreich, aber auch sozial und ökologisch verantwortlich betreiben und dabei ihre gesamte Wertschöpfungskette im Blick haben.

Gewiss ist: Wer ein Unternehmen führt muss profitabel wirtschaften. Unternehmen haben die Aufgabe, Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die der Markt – also die Gesellschaft – verlangt, um damit Gewinne zu erzielen. Doch um den langfristigen Unternehmenserfolg zu sichern, müssen Unternehmen auch die Verantwortung für die gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Handelns übernehmen. Denn Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das ist eine gute Frage. Für mich persönlich als arbeitender Mensch geht es um Wertschätzung und die Sicherung meines Bedürfnisses nach Wohlergehen, bspw. durch meine Bürogemeinschaft oder einen guten Umgang mit meinen Kunden. Was Wohlergehen für den einzelnen heißt, ist per Definition unterschiedlich. Für einige bedeutet es sicherlich eher eine finanzielle Absicherung, für andere Selbstverwirklichung. Daher finde ich das Festlegen eines Bedürfnisses schwierig; es geht für mich um die Berücksichtigung des menschlichen Bedürfnisses nach Wohlbefinden – natürlich so, dass kein anderer dadurch Schaden nimmt.

Gibt es aus Deiner/Ihrer Sicht schon positive Beispiele?

Na klar. Seit 2014 ist der Arbeitskreis Nachhaltigkeit in der IHK Frankfurt am Main aktiv. Zu den Teilnehmern zählen über sechzig Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Unternehmensgrößen. Sie überlegen und diskutieren in regelmäßigen Sitzungen im Jahr, wie nachhaltiges Wirtschaften in der Region gefördert werden kann.

Ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit und nachhaltigem Wirtschaften gab es bisher nicht und so sind wir immer wieder in Diskussionen an Grenzen gestoßen. Daher war es aus Sicht der lokalen Akteure erforderlich solch ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, um den Unternehmen eine Orientierung zu geben. Auch hinsichtlich des Inkrafttretens der CSR Berichtspflicht ab dem 1. Januar 2017 war es aus unserer Sicht wichtig, dies zu tun.

Auf Initiative der Mitglieder des Arbeitskreises wurde daher im Mai 2016 ein moderierter Prozess, unter Beteiligung von Vertretern aller relevanten Branchen aus dem IHK-Bezirk ins Leben gerufen. Entstanden ist innerhalb von sieben Monaten ein umfassendes Positionspapier, hinter dem das Ehrenamt der IHK Frankfurt am Main vollumfänglich steht. Am 14. Dezember 2016 hat die Vollversammlung das Papier einstimmig angenommen. Uns war der interdisziplinäre Ansatz wichtig, damit sich alle Branchen des IHK-Bezirks in dem Positionspapier wiederfinden.

Ziel ist zum einen die IHK nach außen im Bereich der Nachhaltigkeit zu positionieren, zum anderen soll den IHK-Mitgliedern eine Handhabe gegeben werden, um ihr unternehmerisches Handeln an den Kriterien der Nachhaltigkeit ausrichten zu können. Beides dient dazu, die Verantwortung der Wirtschaft im IHK-Bezirk für gesellschaftliche Aufgaben zu stärken und dabei Wettbewerbsvorteile und neue Geschäftschancen zu identifizieren. Des Weiteren setzt sich die IHK zum Ziel, auch nach innen gerichtet nachhaltiger zu werden.

Doch im Sinne einer Verantwortungspartnerschaft sind die Unternehmen nicht allein gefordert: Auch die Kunden, die Politik und die Öffentlichkeit müssen ihrer Verantwortung gerecht werden.

In dem vorliegenden Positionspapier werden neben dem Weg hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften auch die Erwartungen der Unternehmen an eine nachhaltige Politik zum Ausdruck gebracht. Um langfristig, erfolgreich und nachhaltig am Markt agieren und wettbewerbsfähig sein zu können, sind Unternehmen auf ein verlässliches und stabiles wirtschaftspolitisches Umfeld angewiesen, das ihnen größtmögliche Entscheidungsfreiräume bietet.

Wir sehen die Politik in der Rolle einer Lotsin und Spielgestalterin, die mit gezielten Anreizen die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft stimuliert und so die Wettbewerbsfähigkeit von Standorten stärkt und nicht einschränkt. Besonders hilfreich wäre, dass strategische und wirtschaftspolitische Entscheidungen im Dialog mit den Unternehmen über die Dauer von Legislaturperioden hinaus verhandelt werden.

Zur Stärkung der Nachhaltigkeit wäre die Beachtung folgender Aspekte durch die Politik hilfreich:

Einheitlicher Ordnungsrahmen, gleiche und faire Spielregeln für alle.

Nachhaltigkeit als Leitprinzip, verbunden mit der Gestaltungsfreiheit für Unternehmen.

So viel Regulierung wie nötig, so viel Freiheit wie möglich.

Verlässliche, berechenbare politische Vorgaben (Anreize, Unterstützung, Grenzwerte).

Kontinuierliche Investitionen in eine nachhaltige Infrastruktur zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts.

Staatliche Institutionen sollten beispielgebend für Unternehmen sein.

Und neben der IHK gibt es in unserer Region ganz viele wunderbare Unternehmen, GründerInnen und Multi-Stakeholder-Projekte, die eine große Kraft entfalten, weil sie eine neue Kultur des „miteinander Wirtschaft gestalten“ etablieren. Wichtig ist es jedoch aus meiner Sicht, wirklich noch  mehr nach den Rahmenbedingungen und politischen Hebeln zu schauen. Aus meinem Unternehmen, der Lust auf besser leben gGmbH, ein Beispiel: Wir wollen auf der Berger Straße mit der Kampagne ‚Ich bin dabei: Plastikfrei!‘ die Bestrebungen der Stadt „Frankfurt trägt weniger Plastik“ umsetzen. Verschiedene Gewerbevereine sind aktiv, Bürger und Vereine.

Wir etablieren zehn Taschenstationen entlang der Berger Straße, die wie ein Bücherschrank funktionieren, nur für Taschen. Aber: Eigentlich würden viele gerne weiter gehen. Doch für ‚unverpackt‘-Initiativen und Start-ups wie gramm.genau, ist die Platzierung des Themas langfristig (nachhaltig) schwierig, weil z.B. Hygienestandards entgegenwirken. Gleiches gilt für unverpackte Caterings oder Hotelbüffets. Hier zeigt sich, dass Politik an der einen Stelle Nachhaltigkeit und die Agenda2030 proklamiert, an anderer Stelle aber keine Neuerungen an Gesetzen vornimmt, die es den Unternehmen und Bürgern schwer machen, alltagstauglich nachhaltig zu handeln.

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„Nachhaltigkeit als gemeinsamer Weg- der Prozess einer Industrie- und Handelskammer“

Biographie Marlene Haas

2011 absolvierte Marlene Haas ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau im Freilichtmuseum Hessenpark; direkt im Anschluss gründete sie ihr Einzelunternehmen KULTpour, mit dem sie Projekte und Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Soziales und Nachhaltigkeit realisiert.

Nur wenige Jahre später, 2014, gründete sie die Lust auf besser leben gGmbH, Kompetenzzentrum für nachhaltige Entwicklung im urbanen Raum.

Im gleichen Jahr wurde sie in die Vollversammlung und ins Präsidium der IHK Frankfurt am Main gewählt und initiierte den Arbeitskreis Nachhaltigkeit.

Mittlerweile ist Marlene Haas in ihrem Unternehmen als geschäftsführende Gesellschafterin für Projekte in den Bereichen nachhaltige Quartiersentwicklung, Nachhaltigkeitskommunikation und Veranstaltungen zuständig.  In der IHK begleitete die branchenübergreifende Positionierung ‚Nachhaltiges Wirtschaften‘, die im Dezember 2016 einstimmig von der Vollversammlung verabschiedet wurde. Darauf aufbauen gibt es in der Kammer seit Anfang 2017 deutschlandweit das erste Kompetenzzentrum Nachhaltigkeit.

Zitat

„Nachhaltigkeit ist ein Prozess, der Geduld, Wohlwollen, siloübergreifende  Kompetenz und Humor bedarf. Denn nicht nur das Thema selbst ist komplex – betrachtet man es ganzheitlich wie die Agenda2030 es tut –, auch die Menschen, die nachhaltiges Handeln und Denken als Kultur für sich entdecken und umsetzen, sind es. Daher lohnt es sich, Schritt für Schritt den Weg gemeinsam zu gehen ohne an Rückschlägen zu verzweifeln.“

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