CAROLINE KROHN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften ist aus meiner Sicht deutlich mehr, als Ökologie und Soziales in die Wertschöpfung eines Unternehmens zu integrieren: Nachhaltig zu denken bedeutet, Dinge zu Ende zu denken; die Konsequenzen von Entscheidungen zu bedenken und sich zu fragen, ob dies genau das Ergebnis ist, das man sich von einer Entscheidung erhofft. Natürlich ist ein Teil dessen eine ökologische, oder eine soziale Erwägung. Und ja: Ökologie und Soziales stehen auf den ersten Blick manchmal im Widerspruch zu einem ökonomischen Nutzen. Ein ökonomischer Nutzen zeigt sich in der Regel in einer Gewinnerzielung, oder in einer Ressourceneinsparung. So scheint es ökonomisch zunächst durchaus „günstig“, meinen Produktionsmüll in einem Fluss zu entsorgen. Oder es ist „günstig“, Mitarbeiter unvergütet 12 und mehr Stunden am Tag arbeiten zu lassen. Nur welche Konsequenz haben diese beiden Management-Entscheidungen, die allein den unmittelbaren, kurzfristigen Nutzen im Blick haben? Zugegeben: dies sind zwei äußerst triviale Beispiele. Über diese beiden Erkenntnisse sind wir ja seit über einem Jahrhundert hinweg. Oder?

Noch immer aktuell ist allemal, alles das, was einen kurzfristigen finanziellen Erfolg bringt, als Maßstab für Entscheidungen zu nehmen. Die mitunter gesetzliche Durchsetzung von Standards, die sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren, nimmt man folglich als Verhinderung wahr. In Teilen ist diese Wahrnehmung richtig. Regulation kann immer nur von Standardfällen ausgehen und in der Ausführung trägt sie oft seltsame bürokratisch anmutende Stilblüten. Oft sind Regulationen in ihrer Verabschiedung auch weit von dem entfernt, wie sie in ihrem Entwurf gemeint waren, weil ein Gesetzgebungsprozess viel Einflussnahme von unterschiedlichen Interessengruppen beinhaltet.

Die Frage, die wir uns als Manager aber stellen müssen, ist: warum muss es erst so weit kommen, dass die Politik einen Handlungsbedarf sieht? Wieso gelingt es nicht standardmäßig, Entscheidungen so zu treffen, als wären wir am Gemeinwohl orientiert? Ich sage bewusst, „wir“, denn jede/r von uns, der/die sich in einer Situation befindet, trifft geschäftliche oder auch private Entscheidungen, die irgendwie Auswirkungen auf mindestens einen anderen Menschen haben (also geschätzte 99,99% aller Entscheidungen, die man im Leben trifft). Je mehr Menschen von meiner Entscheidung betroffen sind, desto größer müsste doch meine Gemeinwohlorientierung sein! Im Kleinen, wie im Großen, muss jede/r von uns bedenken, was passiert, wenn die Entscheidung getroffen und der Inhalt entsprechend umgesetzt wird. Dinge, die wir tun, haben immer Folgen. Die Fragestellung lautet darum nie nur: was sollen wir tun? Sondern sie muss immer auch lauten: was passiert, wenn wir etwas mit Erfolg tun?

In der Wirtschaft übersetzen wir Nachhaltigeit heute oft mit der Fähigkeit, am Ende eines Bürotages das Licht auszuknipsen. Wenn das alle im Konzern tun, dann schafft es die Energieersparnis in den Nachhaltigkeitsbericht. Dieser ringt um sogenannte nicht-finanzielle Indikatoren und verursacht bei den Verfassern dieser Berichte oft Kopfschmerzen, denn was bietet sich einem alles so zum Zählen an, wenn die ökonomische Logik bereits im Geschäftsbericht erfasst ist?

Nachhaltiges Wirtschaften entspricht nicht der Logik des reinen Zählens. Es geht hier nicht nur darum, zu wachsen, zu vermehren, zu bereichern. Es geht darum, zu erhalten, zu stabilisieren und zu verbessern, also in diesem Sinne Next Level Management: Allein-ökonomischen Reflexen zu widerstehen. Nachzudenken. Trieben, wie der Gier zu widerstehen. Es geht darum, das Große Ganze zu berücksichtigen und Entscheidungen nicht zu isolieren. Nicht innerhalb des eigenen Systems das Richtige zu tun, sondern sich gelegentlich zu fragen, ob auch das System selbst richtig ist.

Wenn ich nur darauf achte, Schrauben richtig ins Gewinde zu drehen, dann bin ich erfolgreich, wenn alle Schrauben fest sitzen. Wenn ich dann aber sehe, dass ich beispielsweise eine Waffe gebaut habe, deren Zweck es ist, Menschen zu töten, dann sollte ich mich zumindest einmal gefragt haben, ob ich das mit meinem Wertekanon vereinbaren kann. Vielleicht muss ich einen Kompromiss eingehen, weil mir beispielsweise wichtiger ist, meine Familie zu ernähren. Aber auch das will bewusst entschieden sein. Das ist aus meiner Sicht nachhaltiges Denken. Und damit implizit auch nachhaltiges Wirtschaften.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Ich glaube, dass ein Leben in Würde für jeden Menschen gelten sollte und dass unser gesamtes Wirken, inklusive des wirtschaftlichen Wirkens, darauf ausgerichtet sein sollte, jedem Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Ein würdevolles Leben unterscheidet sich dahingehend von reinem Überleben, dass ein Mensch zusätzlich zur Ermöglichung der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie körperliche Unversehrtheit, Gesundheit, Ernährung und dergleichen, auch die Autonomie der Gestaltungsfreiheit des eigenen Lebens hat. Selbstbestimmt leben zu können (natürlich ohne andere in ihrer Freiheit einzuschränken, also stets im Kompromiss, nicht im Egoismus), setzt Bildung und Wohlstand und eine gewisse materielle Sicherheit voraus.

Fair und nachhaltig zu wirtschaften inkludiert im Gegensatz zu konventionellem Wirtschaften diese Erwägung. Ich muss als Unternehmen dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter einen anständigen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Ich muss als Unternehmen gleichzeitig dafür sorgen, dass mein Kunde einen angemessenen Preis für eine Leistung bezahlen – keinen Wucher, keine Flatrates auf Kosten meiner Ressourcen. Dinge haben einen Wert. Der Wettbewerb ist belastend, aber ich muss mich als Unternehmen fragen, wer wirklich das Geld zahlt, das ich für den Wert eines Produktes errechnet habe. Zahlt es jemand, der sich hier Essen, Kleidung, Autos oder Aktien kauft, oder zahlt es das Kind in Bangladesh? Zahlt es jemand, der hier sein Haus in rosa oder gelb tüncht, oder zahlt es ein Kombattant in Syrien? Zahlt es derjenige, der im Winter unbedingt Rosen verschenken muss, oder zahlt es derjenige, der in Afrika der Rosen wegen keinen Mais anbauen darf?

Ich sprach neulich mit einem obdachlosen Mann am Frankfurter Hauptbahnhof. Ich fand ihn schreiend vor, weil er von Passanten gerade physisch gedemütigt worden war. Er berichtete mir, dass er seit Jahren nicht mehr tief geschlafen hat, weil Gewalttäter Obdachlose vorzugsweise im Schlaf heimsuchten. Schlafentzug ist eine Folter. Folter macht Menschen kaputt. Dieser Mensch war traumatisiert. Er suchte eine Bleibe; einfach damit er einmal richtig schlafen könne. Frei sein, um schlafen zu können. Frei sein, um ein Primärbedürfnis zu erfüllen. Jeder, der ihm auf seinem Weg aber helfen wollte, nahm ihm zuerst das eine: die Freiheit. Die Autonomie. Seine Würde. Es ist unvorstellbar, dass er es vorzog, nicht schlafen zu dürfen, als nicht frei zu sein.

Was hat diese Geschichte mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun? Wirtschaft profitiert von Handlungsfreiheit, also muss sie zuallererst die Freiheit des Indiviuums anerkennen und fördern. Unternehmen fordern von solchen Menschen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Disziplin. Und für sich selbst Freiheit. Ich fordere für diese Menschen mehr Freiheit und für Unternehmen mehr Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen, mehr Flexibilität in Zeiten, in denen wir alle einen Weg suchen, der Komplexität unserer Zeit Herr werden zu können. Und ich fordere von Unternehmen vor allem Disziplin. Genauso wie es Disziplin erfordert, sich gesund zu ernähren, Geld zu sparen, geduldig zu sein, Pflichten nachzukommen, erfordert es Disziplin, sich bespielsweise auf Diversität einzulassen. Es erfordert Disziplin, einer Fertigung die Zeit einzuberaumen, die sie braucht, um eine Qualität zu bekommen, die dem Preis angemessen ist. Es erfordert Disziplin, sich der Öffentlichkeit immer und immer wieder zu erklären und die eigene Sichtweise darzulegen, so oft, so ausführlich und gleichzeitig so einfach es geht. Es erfordert Disziplin, Freiheit zu organisieren. Nachhaltig zu wirtschaften bedeutet aus meiner Sicht daher, sich verantwortlich zu zeigen und Teilhabe zu leisten an der Gestaltung würdevollen Lebens, überall dort, wohin unsere Handlungswirkung reicht.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich bin insgesamt optimistisch, weil ich glaube, dass es immer mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit gibt, nachhaltig zu wirtschaften. Es gibt einen großen öffentlichen Diskurs, der in Teilen auch den öffentlich wirksamen Druck von Organisationen ablöst. Durch den Zugang zu Informationen, die die neuen Medien uns gestatten, haben wir viel Einblick in die Auswirkungen unseres Tun. Dass wir gleichzeitig eine erhöhte Skepsis am Wahrheitsgehalt der digitalen Quellen hegen, liegt in Teilen auch an der Erkenntnis, dass auch hier sich kriminelle staatliche und nicht-staatliche Kräfte diese Freiheit der Informationsgewinnung zueigen machen und mit selbstreferenziellen Algorithmen, sogenannten Fake News und dergleichen den Eindruck aufrecht erhalten, man läge mit seiner Meinung immer richtig. Das Resultat ist eine sich verbreitende Welle von Anti-Intellektualismus, eine Kapitulation vor populistischen Tendenzen und eine Abkehr der Errungenschaften der sogenannten Political Correnctness, die nichts anderes beabsichtigt, als den Respekt vor Menschengruppen und Demut vor der Komplexität von Phänomenen.

Meiner Überzeugung nach ist das Ziel der Politik wie der Wirtschaft, Menschen Mündigkeit zu ermöglichen. Wirtschaft, die dies durch Big Data unterbinden möchte, ist das größte Negativbeispiel unserer Zeit. Umgekehrt ist der politische, der zivilgesellschaftliche und nicht zuletzt der wirtschaftliche Widerstand gegen eben diese Tendenz das positivste Beispiel, das das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in den Entwicklungen von Informationstechnologie bewirkt.

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