OLIVER BOMSDORF

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Bedauerlicherweise ist der Begriff der Nachhaltigkeit mittlerweile derart vergiftet, dass ich der Frage nicht traue.

Ich bin davon überzeugt, dass im Mehr und Jetzt Nachhaltigkeit nurmehr ein Marketing-Gag ist, der die wunderlichsten Blüten treibt. Unter der Prämisse des Wachstums, kann es keine Nachhaltigkeit geben, denn täglich müssen hierfür mehr Ressourcen verbraucht werden. Insofern ist nachhaltiges Wirtschaften unmöglich. Unternehmen, die dennoch von „Nachhaltigkeit“ sprechen, missbrauchen den Begriff. Sie machen sich über ihn lustig.

Das Schlimme ist, den meisten Tätern im Missbrauch des Begriffs, fällt dieser nicht einmal auf – das Marketing um ihn funktioniert. Singles im Hybrid-SUV halten ihre CO2-Weste für weiß, wenn sie nur Grün wählen. Und Unternehmen, die für ihre absurde Kommunikation Serverfarmen nutzen, deren Energieverbrauch schlicht obszön ist, glauben nachhaltig zu wirtschaften, wenn sie ihren Mitarbeiter/-innen untersagen, eine E-Mail auf ein Blättchen Papier aus – Achtung – nachhaltiger Forstwirtschaft zu drucken.

Solange Konkurrenz unser Unterbau und Wachstum das einzige Ziel des Wirtschaftens ist, spielt es keine Rolle, ob der ständig wachsende Energiebedarf aus Windrädern oder Sonnenpaneelen gedeckt wird. Beide wachsen nicht auf Bäumen und man benötigt folgerichtig Rohstoffe, deren Endlichkeit durch die Nachhaltigkeitsdebatte übertüncht wird. Nachhaltigkeit kann es nur geben, wenn man nicht ständig mehr will. Das ist so einfach wie vollkommen aus unseren Köpfen. Emissionen sind nicht unser Problem, die Plünderung unserer Ressourcen ist es.

Nur wenn die Konkurrenz, die in der Muttermilch oder im Trinkwasser verankert zu sein scheint, aus unseren Grundstrukturen endlich der Solidarität weicht und wenn Stillstand und Reduktion gesellschaftlich anerkannte Güter sind (wir brauchen ja den ganzen Plunder um uns herum nicht einmal), kann man beginnen, über nachhaltiges Wirtschaften zu sprechen. Aber das wäre in einer solidarischen Gesellschaft, die sich ihrer Ressourcen bewusst ist, ohnehin an der Tagesordnung.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Jedes menschliche Bedürfnis sollte in der Wirtschaft berücksichtigt werden. Aber auch diese Frage ist im Mehr und Jetzt obsolet. Der Mensch braucht drei Dinge: Ein Dach über’m Kopf, Nahrung und Würde. Unternehmen haben an der Würde ihrer Mitarbeiter/-innen kein Interesse, denn dann müssten sie ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die Grundversorgung stellen sie bestenfalls her, aber selbst das ist nicht mehr gewährleistet. Auch hier steht der Gedanke des ständigen Wachsens logischerweise der Menschlichkeit im Weg. Man kann nur entweder seinen Gewinn mehren oder ihn teilen. Vor Absurditäten wie dem Dieselgipfel oder G20 muss wohl nicht erklärt werden, was zur Zeit Vorrang hat.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Die Schweizer Bahn vielleicht. Sicher die GLS-Bank und das Mietshäuser Syndikat sowie selbstverwaltete Betriebe in Südeuropa und Südamerika. Leider muss man positive Beispiele suchen, seitdem es kein konkurrierendes System mehr gibt. Mit dem Gegenmodell beim bösen Russen, musste die Marktwirtschaft ja noch „sozial“ heißen – sie wollte ja als das überlegene System gefeiert werden. Nun ist sie nicht mal mehr freundlich gesonnen.

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