STEFANIE KOCH

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Meine erste Reaktion hat schon fast etwas von Abwehrreaktion. Nachhaltigkeit ist eines der – wenigen deutschen – Buzzwörter, die sich jedes Unternehmen mittlerweile auf die Fahne schreibt. Gähn, da oft nicht so ganz klar wird, warum das eigentlich so wichtig ist, und, noch viel wichtiger, was es „unter nachhaltigem Wirtschaften versteht“.

Ich probiere mal, mit dem Wort zu spielen.

Festhalten, anhalten, durchhalten, aufhalten.

Halt geben, Haltestelle, halt-Deinen-Mund.

Hat für mich alles etwas Proaktives, etwas Kraftvolles, etwas Energisches und auch Beharrliches. Und um die Haltestelle noch dazu zu bekommen: Etwas, bei dem andere mitgenommen werden müssen.

Nachgeben, Nachdenken, Nachtisch, Nach dir, Nachfahren, Nachrichten.

Hier ist der gemeinsame Nenner das Nachgelagerte, und auch das Prozesshafte, ein Nicht-Abgeschlossen-Sein, ein Weitergeben, eine Auseinandersetzung, ein Dialog, eine Bewegung. Und irgendwie noch was mit Schokopudding.

Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen erkenne ich daran, dass sie bestimmte Werte mit Beharrlichkeit und Ausdauer in Ihrem Tun und Handeln sicht- und spürbar werden lassen, dass sie für sie kämpfen, sich an ihnen reiben, neue Wege durch sie beschreiten, und Gefolgschaft erzeugen.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das wichtigste menschliche Bedürfnis ist aus meiner Sicht das Bedürfnis, Mensch zu sein.

Ein Mensch mit Stärken, Fehlern, Wünschen, Sehnsüchten, Sinnlichkeit, Neurosen, Nerdigkeit, Ticks, Tricks und Lust auf Nachtisch.

Ein Mensch, der als Gesamtpaket wahrgenommen, ernst genommen und geschätzt werden will.

Damit Work-Life-Balance endlich aus dem Duden gestrichen werden kann, und Menschen nicht mehr zwischen Leben und Arbeiten unterscheiden.

Und damit kein Radiosender der Welt mehr am Montag den Countdown zum Wochenende mit breitem Grinsen und breiter Unterstützung ausrufen kann.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

In Amsterdam gibt es ein wunderbares Restaurant, das mit regionalen Zutaten eine sauleckere vegetarische Küche anbietet.

Das Besondere daran: Es gibt keine Preise. Nach dem Essen wird das bezahlt, was der Gast für richtig hält. Ohne großes Gerede, und immer mit einem Dankeschön von Seiten des Restaurants.

Es gibt auch keine fixen Gehälter. Das ist transparent für alle, genauso wie die Küche und die Zutaten, die beim Kochen verwendet werden.

Dieses Restaurant wird so lange bestehen, wie sich die Betreiber und ihre Crew zu Qualität und Kundenorientierung verpflichten. Gleichzeitig stärken sie finanziell schlechter aufgestellte Menschen, die genauso wie jeder gut verdienende Angestellte etwas zu essen bestellen.

Und sie sorgen für Verwunderung, Irritation, Diskussion, Finanzierung ihres Daseins – und für volle Bäuche.

Und ich glaube fest, dass jeder, der als Gast hier zu Besuch war, davon erzählt – weil dieses Erlebnis nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Das Lokal heißt übrigens „Trust“.

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