DR. SIMON VOGT

Was verstehst du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Auch auf sich ändernde technische, politische, soziale und naturgesetzliche Rahmenbedingungen vorbereitet zu sein. Und trotzdem so zu wirtschaften dass auf Dauer die eigene Existenz und die Existenz der eigenen und anderer Spezies fortgeführt werden kann.

Im Kleineren bedeutet das auch die Ermöglichung sozialer Teilhabe und Förderung menschlicher Kreativität, um aus möglichst vielen klugen Köpfen einige gute Ideen zu unserem (indirekten) Fortbestand zu erhalten. Dies können auch Ideen zur Arbeitserleichterung sein, durch die mehr Zeit für kreatives Denken Anderer frei wird während deren Grundbedürfnisse weiterhin befriedigt werden.

Dazu gehört auch gerade die Schaffung von Räumen individueller freier Entfaltung, da persönliche Freiheit eine der Grundvoraussetzungen für neue soziale, politische, technische Antworten ist, um auf eine sich ständig verändernde Welt reagieren zu können. Für ein Wirtschaftsunternehmen ergibt sich daraus auch die Anforderung, Arbeitnehmern einen größeren Anteil an kreativem Handeln und Ausprobieren zu ermöglichen, da rein mechanische (Geistes-)Arbeit in naher Zukunft eh leicht durch Maschinen durchgeführt werden kann.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das menschliche Grundbedürfnis nach sozialer Teilhabe und Gerechtigkeit.

Es gibt ein bezeichnendes Video bei dem das Gerechtigkeitsempfinden von Kapuzineraffen demonstriert wird (https://www.youtube.com/watch?v=lKhAd0Tyny0). Ähnliche Tests führen auch bei Menschen regelmäßig zu ähnlichen Ergebnissen. Leider lässt sich das menschliche Gerechtigkeitsempfinden leicht verwirren und daher oft auch für ungerechte Zwecke mißbrauchen. Doch kann man dessen grundlegende Existenz schwer leugnen. Zwar gilt unterschiedliche Vergütung für gleiche Arbeit allgemein als ungerecht und damit inzwischen als nicht erstrebenswert, doch ist es eine weitaus umstrittenere Frage wie unterschiedliche Arbeit vergütet bzw. wie die Vergütung gestaffelt sein soll.

Das Streben nach sozialer Teilhabe äußert sich oft auch im Streben nach sozialem Status. Da dies eine starke Motivation für die punktuelle Konzentration von Vergütung und Entscheidungsfreiheit ist, läuft dies leicht einem gesellschaftlichen Gerechtigkeitsempfinden entgegen. Unterschiedliche Gesellschaften haben hier unterschiedliche Abwägungen gefunden. Wenn sozialer Status besonders stark an finanzielle Vergütung gekoppelt ist, scheinen Gesellschaften leicht in eine soziale Schieflage zu geraten und damit nicht mehr fortbestehen zu können, während eine Gesellschaft, in der bessere/geschicktere Produktivität gar nicht zu einer Verbesserung des sozialen Status führt, als Ganzes wohl leicht ineffektiv wird und damit ebenfalls nicht nachhaltig ist.

Aus diesen Binsenweisheiten ergibt sich für mich die Forderung, dass die Staffelung von Vergütung mindestens transparent organisiert sein soll, damit eine Gesellschaft für sich eine wohlinformierte Abwägung zwischen Vergütungsstaffelung und Gerechtigkeitsempfinden setzen kann. Wenn tatsächlich in mittlerer Zukunft ein großer Teil unserer physiologischen Grundbedürfnisse durch Maschinen erfüllt werden kann, wird wohl eine Neudefinition von sozialem Status und Motivation für kreative produktive Arbeit immer wichtiger werden. Vielleicht ist die immer öfter gehörte Forderung nach Förderung des Ehrenamts eine Möglichkeit, das Streben nach sozialem Status von der Verteilung materieller Vergütung zu entkoppeln. Doch da ehrenamtliches Engagement und interessengetriebene Arbeit als Messlatte für Sozialstatus sehr viel schwerer vergleichbar sind als ein Geldbetrag auf jemandes Konto, könnte dieser Übergang wohl nur langsam passieren können.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Die in mehreren Unternehmen schon praktizierte „20% Time“. Grundsätzlich scheint hier die Förderung von individueller Kreativität und unerwarteter Ideen im Vordergrund zu stehen. Wie weit die Umsetzung mit diesem Vorsatz vereint wird, hängt aber wohl noch stark vom jeweiligen Unternehmen und der umsetzenden Arbeitsgruppe ab.

Und natürlich auch die traditionellen Definitionen wie z.B. die Herstellung recyclingfähiger Produkte, der Verwendung nachwachsender und wiederverwendbarer Rohstoffe, Vermeidung von Müll und Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung, Arbeitsbedingungen die nicht zum „Burnout“ führen und dem Menschen Zeit geben, auch noch anderen Interessen als der Hauptarbeit nach zu gehen.

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