DR. WIEBKE RASMUSSEN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Denken verlässt das eigene Haus, klingelt beim Nachbarn und geht noch zwei, drei Türen weiter. Es lernt aus Vergangenem, verharrt nicht im jetzt, sondern hört auf Bedarfe der Zukunft. Es eicht den Wertekompass auf mehr „Kollektiv“ und weniger „Mikrokosmos“. Nachhaltigkeit geht örtlich, zeitlich und moralisch über das aktuell notwendige hinaus. Es wägt ab, was das eigene Handeln akut bewirkt und was bleiben würde – im Guten wie im Schlechten. Theoretisch ein überzeugendes Konzept. Nachhaltig-bewusstes Entscheiden ist gesellschaftlich rational, egal, ob Entscheidungen im Privaten, als Verantwortliche/r in einer Organisation oder als Organisation im Ganzen zu treffen sind. Und dennoch bleibt der Eindruck, dass die kurze Frist, die lokale Sicht und der Eigensinn die an sich überzeugende Theorie schlägt. Die Belohnungsstrukturen sind nach wie vor so justiert, dass kurzfristig vornehmlich ökonomisch effektive Entscheidungen belohnt werden. Im Privaten bestimmt der Preis die Mehrheit der Konsumentscheidungen, und das nicht immer aus ökonomischem Zwang heraus. Der Endorphinausstoß des Schnäppchens überdeckt Gedanken dazu, unter welchen Bedingungen ein T-Shirt entstanden sein muss, das für einen Euro über den Ladentisch geht. Konsumenten werden nicht für nachhaltiges Denken belohnt, zumindest nicht zum Zeitpunkt des Konsums. Im Zweifel wird ein gutes Gewissen an der einen Stelle erkauft, um die Nachhaltigkeit beim nächsten Kauf wieder hinten anzustellen. Die Konsequenzen des eigenen Fehlhandelns scheinen so klein und unbedeutend, dass der Schmerz, sein Verhalten aufwändig anzupassen, in keinem Verhältnis stehen würde. Also macht der Mensch weiter. Und dieser Mensch ist häufig eben nicht nur Privatperson, er oder sie ist manchmal auch EntscheiderIn in größeren Kontexten – ob in Politik, Wirtschaft, Wohlfahrt oder Zivilgesellschaft. Und auch hier wird „gutes“ (im Sinne von nachhaltiges) Handeln nicht umgehend und direkt belohnt. Auch wenn CSR-Berichterstattung zunehmend mehr Raum greift, ist nicht automatisch etwas über die qualitative Dimension der CSR-Aktivitäten gesagt. Zudem scheint eher nicht-konformes Handeln bei Aufdeckung bestraft, denn konformes Handeln belohnt zu werden. Anreiztheoretisch eine schwierige Konstruktion. Um Nachhaltiges Denken in den Köpfen der EntscheiderInnen zu verankern und sie privat und im beruflichen Kontext zu ihrem ganz individuellen Beitrag für das Kollektiv zu sensibilisieren, muss die Debatte über Grundwerte immer wieder aufs Neue, mit Blick auf die Zukunft und partizipativ geführt werden. Denn Werte lassen sich nicht per Gesetz verordnen. Sie müssen vorgelebt, mitgestaltet und belohnt werden. Über Vorbilder sprechen sollte ein Gegengewicht zur aktuellen Berichterstattung darstellen, die Regelbruch als Regel in den Köpfen zu manifestieren droht und damit falsche „Vorbilder“ platziert [wobei die wichtige investigativ-fundierte Arbeit des journalistischen Handwerks über skandalöse Arbeitsbedingungen und Steuerflucht in ihrer Bedeutung hiermit nicht geschmälert werden sollte]. Auf Unternehmensebene übertragen: CSR muss Chefsache werden, um der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des Unternehmertums gerecht zu werden, um Verantwortung klar zuzuweisen und CSR als gesicherten Teil einer Unternehmensstrategie (und nicht in halber Stelle im Kommunikationsbereich) mitzudenken.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Wirtschaft sollte den Produktionsfaktor Arbeit wieder vermenschlichen. Als Individuum gesehen und wertgeschätzt zu werden, macht einen Unterschied für Arbeitende – über die begleitenden motivatorischen und damit auch produktiv-wirksamen Effekte für die Wirtschaft muss dabei gar nicht mehr viel an Worten verloren werden. Wertschätzung meint Anerkennung geleisteter Arbeit und Anstrengung und bedeutet den Versuch, Fähigkeiten und Bedürfnisse der Arbeitenden zu erkennen und zu adressieren. Personalökonomisch eine sehr nachhaltige Investition. Auch wenn hier zeitliche und entwicklungsgestalterische Grenzen gesetzt sind: Die Haltung allein kann schon einen Unterschied machen.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Noch weiß ich nicht, ob ich in schon drei Jahren die gleiche Position weiter vertreten würde, aber: die Art und Weise der Umsetzung der Sustainable Development Goals bläst grundsätzlich in das oben beschriebene Horn. An Unternehmen und UnternehmerInnen in Deutschland wird appelliert, einen Beitrag zur Erreichung der kollektiv für Deutschland vereinbarten SDGs zu leisten. Der sich aus diesem Appell ergebende Zwang ist bislang vornehmlich moralischer und wettbewerblicher Natur; es gibt noch (!) keinen gesetzlichen Durchsetzungsvorstoß. Wenn das so bliebe und Deutschland „einfach so“ auf seinen Beitrag für die Erreichung der SDGs hinwirken würde, dann wäre dies in meinen Augen ein wirklicher Erfolg! Time will tell, practice will show.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s