NICOLA HENGST-GOHLKE

WAS VERSTEHST DU UNTER NACHHALTIGEM WIRTSCHAFTEN?

In letzter Konsequenz verstehe ich unter nachhaltigem Wirtschaften kurz und knapp: Weniger ist mehr.

Oder anders ausgedrückt: Weg von „mehr“, „noch besser“ und „mehr als die anderen“ hinzu „genug“, „gut genug“ und „gemeinsam mit anderen“.

Der passende Begriff dazu lautet Genügsamkeit, also Suffizienz.

Auch da wir alle uns diesen EINEN Planeten teilen, brauchen wir eine Strategie, die einen weltweit gerechten Zugang zu und eine gerechte Teilhabe an den natürlichen Ressourcen für alle ermöglicht.

Wichtig dabei ist, dass Suffizienz nicht für sich alleine steht, sondern immer im Zusammenhang mit Effizienz und Konsistenz gedacht und umgesetzt wird.

Für eine nachhaltige Wirtschaft heisst das unter anderem:


Wir brauchen …

eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Ökonomie“ als die Kunst des richtigen Haushaltens: mit den begrenzten Ressourcen sinnvoll, angemessen und sparsam umzugehen.
… noch mehr mutige Unternehmer*innen von inhabergeführten GmbHs bis hin zu Genossenschaften, die das ewige „Wir müssen wachsen!“ in Frage stellen und sich beispielsweise der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) anschließen.
… verantwortliche Manager*innen, die ihr Handeln an anderen Zielsetzungen als der möglichst hohen Rendite für die nächste Aktionärsversammlung ausrichten.

mehr als „nur“ grüne Technologien und Geschäftsideen.

unkaputtbare bzw. gut reparierbare Produkte. Im Übrigen bedeuten Reparaturen Arbeitsplätze, individuelle Produkte auch.
… eine Suffizienz-Kommunikation: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich als Kunde auch dann wertgeschätzt werde, wenn ich nichts kaufe. Solche Unternehmen haben verstanden, dass ich mir als mündige Konsumentin nichts aufschwatzen lassen möchte.

Ich wünsche mir mehr Transparenz und Information, so dass wir Konsument*innen noch mehr als jetzt in die Lage versetzt werden, zu entscheiden, ob die jeweiligen Angebote fair und die Produkte sinnvoll sind.

Die gute Nachricht: Dank zahlreicher Start-Ups, Social Business Unternehmen und Genossenschaften mit anderen Werten und Lebensstilen, kommt eine Bewegung in Gang, die für einen Strukturwandel der Wirtschaft und neue Unternehmen(sformen) sorgen wird.

 

WAS IST DAS WICHTIGSTE MENSCHLICHE BEDÜRFNIS, DAS IN DER WIRTSCHAFT BERÜCKSICHTIGUNG FINDEN SOLLTE?

Letztlich ist es wie immer im Leben: es kommt auf das richtige Maß an. Insofern finde ich es wichtig, wenn die Wirtschaft ihren Teil dazu beiträgt, alle menschlichen Bedürfnisse in einer ausgewogenen Balance zu halten.

Bezogen auf Genügsamkeit: Ein guter Anfang ist, (sich) Fragen zu stellen.

Beispielsweise:
(1) Stimmt eigentlich die Annahme, dass menschliche Konsumbedürfnisse unendlich sind? In unserem aktuellen Wirtschaftssystem haben wir mit „weniger ist mehr“ ein Problem: Wenn viele Menschen weniger konsumieren, wenn Produkte länger halten, wenn weniger weggeworfen wird, sinkt die Nachfrage. Allerdings: Wenn sich daran weltweit nichts ändern wird, werden unsere Umwelt- und Klimaprobleme noch größer. Bestehende soziale Ungleichheiten werden ebenfalls zunehmen.

(2) Wie wäre es, wenn Unternehmen und Personalabteilungen dem menschlichen Bedürfnis nach persönlichem Wachstum und lebenslangen Lernen neuer Dinge und Fähigkeiten weit mehr als bisher Rechnung tragen?

GIBT ES AUS DEINER SICHT SCHON POSITIVE BEISPIELE?

Bezogen auf Personal: Ja! Auf einen bemerkenswerten Weg hat sich beispielsweise der Hotelier Bodo Janssen mit seiner Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co. KG gemacht: Wertschöpfung durch Wertschätzung. 2018 kommt der zweite Film „Die stille Revolution“ über die beeindruckende Entwicklung des Unternehmens in die Kinos (http://www.der-upstalsboom-weg.de/).

Bezogen auf Genügsamkeit: Ja! Denn in der Tat wird es in einer suffizienten Gesellschaft weniger Marktgüter geben, und eben auch neue Produkte und Dienstleistungen. Schon jetzt unterstützt z. B. der „Sauberkasten“ das Do-it-Yourself im Haushalt, da man mit dem Set Wasch- und Reinigungsmittel selbst herstellen kann (www.sauberkasten.com).


Rundherum spannend finde ich auch Start-Ups wie „Goldeimer“: Das Unternehmen betreibt ökologische Komposttoiletten und verkauft das erste soziale Toilettenpapier (100% Recycling) Deutschlands. Zusätzlich setzt sich Goldeimer für Toiletten weltweit ein. Zukünftige Gewinne fließen in die Arbeit von Viva con Agua und der Welthungerhilfe. Das Unternehmen entwickelt außerdem Kampagnen und Sondereditionen. Zur Bundestagswahl sammelte Goldeimer hetzendes Wahlkampfmaterial und verarbeitete dies zu Klopapier. Durch den Verkauf der Sonderedition wird die Organisation CURA unterstützt. Sie kümmert sich um Opfer rechter Gewalt. (
www.goldeimer.de).

Im Bankenbereich sind mir die Sparda-Bank München als genossenschaftlich und GWÖ-zertifiziertes Unternehmen (www.zum-wohl-aller.de) und die GLS Bank in Bochum (www.gls.de) sehr positiv aufgefallen.

Zum praktischen Einstieg in das Thema „Suffizienz“ empfehle ich das „Hand- und Mitmachbuch fair-handeln! Anstiftungen für zukunftsfähiges Handeln“ herausgegeben von Jaana Prüss. Das Buch stellt neben Rezepten und Handlungsanleitungen eine Sammlung beispielhafter Projekte vor, die Modelle wie – Leihen statt Besitzen – Selbermachen statt kaufen, Reparieren, Umwandeln, Aufwerten statt Wegwerfen oder eine Tauschökonomie praktizieren. Im Zentrum steht dabei nützliches Wissen zum Handeln (ohne Konsum) zu vermitteln (www.fair-handeln.tips).

Nachhaltigkeit ist ein fortwährender Prozess. Nachhaltigkeit hört nicht auf.
Sie berührt ganz viele Bereiche. Und jede/r kann dazu etwas beitragen:
Bewusst einkaufen, auf eine entsprechende Kita- und Schulwahl bei den eigenen Kindern achten (wie z. B. die Peter Gläsel Schüle in Detmold als zukünftig erste Global Goals Schule in Deutschland (www.pgschule.net)), einen nachhaltigen Studiengang (wie z. B. „Nachhaltiges Wirtschaften“ an der Alanus Hochschule in Bonn)/Ausbildungsbetrieb/Arbeitgeber wählen, sich mit einer nachhaltigen Geschäftsidee selbständig machen, an den richtigen Stellen mitreden und einbringen uvm. Für alle zivilgesellschaftlichen und politischen Akteure verweise ich daher auf das webbasierte Planungs-Werkzeug „Landkarte Suffizienzpolitik“:
www.postwachstum.de/suffizienzpolitik

Bild: Ira Kaltenegger

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