MARTIN VAN KAMPEN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltigkeit spielt sich für mich persönlich überwiegend in der Rolle des Konsumenten ab. Nachhaltiges Wirtschaften heißt also auch nachhaltiges Konsumieren. Ich wünschte als Konsument würde ich mir folgende Fragen stets rational beantworten: Brauche ich dieses Produkt wirklich? Was bringt es mir langfristig? Ist es ökologisch vertretbar? Brauche ich bspw. das neue Smartphone oder reicht mein altes nicht noch wenigstens ein Jahr aus?

Beim Kauf entscheiden jedoch oft schlussendlich Emotionen: Die Vorfreude auf den Aufputscheffekt des neuen Produkts – sei es bei elektronischen Geräten oder ungesunden dafür sehr schmackhaften Lebensmitteln – ist oft zu groß und Gedanken an das, was dem Planeten oder vielleicht auch der eigenen Gesundheit guttun würde, geraten in den Hintergrund. Auch bei mir gewinnt nicht immer die rationale Seite. Der Konsumalltag ist ein täglicher Konflikt zwischen Gewohnheiten und neu gewonnenen ökologischen Erkenntnissen, die zwar intellektuell verfügbar sein mögen, aber nicht stets in ökologisches Handeln übergehen.

Das richtige Verhalten ist erschwert, wenn es keine klaren Antworten und Anweisungen gibt. Ist es z.B. nachhaltiger das gewünschte Buch aus recyceltem Papier zu kaufen oder als E-Book-Ausgabe am aufwendig produzierten dafür mit Ökostrom betriebenem Tablet zu lesen? Eine Antwort fordert oft einiges an Recherchearbeit und Diskussionen mit Freunden, wenn nicht gleich ein „Fair-Trade“-Logo zur Verfügung steht. Wenn ich dazu keine Zeit habe, folge ich schlicht meinem Instinkt und meinen Vorlieben.

Zusammenfassend bedeutet das, dass der Mensch im Alltag beim nachhaltigen Konsumieren unterstützt werden muss, sodass es Spaß macht und einfach ist, sich für die nachhaltigeren Produkte zu entscheiden. Nachhaltigere Produkte sollten durch einen Index – ähnlich des Energieverbrauchs, jedoch auch die Produktionskosten miteinschließend – gekennzeichnet und steuerlich gefördert werden.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Es ist schwierig genau ein Bedürfnis herauszustellen, weil es im Leben um die Balance von mehreren Bedürfnissen geht. Erholung und Freizeit sind genauso wichtige Kerne wie die Möglichkeit seiner Arbeit mit Neugierde und Ehrgeiz nachgehen zu können. Eine nachhaltige Wirtschaft sollte Menschen helfen, die Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden. Menschen sollten arbeiten können, ohne sich dabei selbst zu verbrauchen. Gerade in dem von mir angestrebten Lehrerberuf gibt es eine hohe Zahl von Burn-outs, was aber auch in vielen anderen Branchen häufiger wird. Wieviel Arbeit, Freizeit und Konsum benötige ich als Individuum, um langfristig und nachhaltig gesund und erfüllt zu leben?

Ich brauche nicht immer einen vermeintlichen technologischen Fortschritt, wenn dafür die Umwelt gefährdet wird. Ich brauche nicht unbedingt eine Verbesserung meines Lebensstandards, wenn dafür andere Regionen ausgebeutet werden. Ich brauche aber dafür eine Sicherheit, dass der Standard so bleibt, wie er ist. Es mag ein idealistischer Anspruch bleiben und ich weiß leider auch nicht, wie genau man ihn erfüllen kann. Jedoch sollten sich Menschen global gegenseitig helfen. Ich hätte lieber, dass alle Menschen auf einem ähnlichen Standard der Versorgung leben, als dass es extrem reiche und arme Regionen gibt.

Schließlich finde ich, dass wir Menschen nicht in Hedonismus und Habgier verfallen, aber zur selben Zeit nicht im Ernst der Arbeit verbittern sollten. Wir müssen Zeit haben, um zu uns selbst zu kommen und zufrieden zu sein mit dem, was wir bereits alles haben.

Gibt es aus deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich hatte Probleme des Konsums und der Arbeit angesprochen. Bzgl. des Konsums sind sogenannte Fair-Trade Abzeichen und andere Markierungen wie „der blaue Engel“ mir im Konsumalltag sehr hilfreich, nachhaltigere Produkte von anderen zu unterscheiden. Dabei sollte jedoch überprüft werden, dass solche Zertifikate und der Käufer nicht durch Unternehmen manipuliert werden können. Es ist ausgezeichnet, dass Firmen daran bestrebt sind, ihren Energieverbrauch auszugleichen, wie man es zum Beispiel durch eine „CO2-Abgabe“ beim Buchen von Fernbusreisen machen kann. Fraglich bleibt jedoch, ob dies die ideale Lösung ist, da es gleichzeitig suggeriert, jeder Konsum ließe sich mit Geld ausgleichen, anstatt den Konsum und Verbrauch an sich zu reduzieren. Ein weiteres gutes Beispiel für soziale Geschäftsmodelle finde ich die Suchmaschine „Ecosia“, die mit jedem Suchauftrag Aufforstungsprojekte in verschiedenen Kontinenten finanziert.

Wo heutzutage durch Technologie die Grenzen von privatem und beruflichem verschwimmen, finde ich Regulierungen und Arbeitsschutzmaßnahmen wichtig, die die Erreichbarkeit der Arbeitnehmer limitieren und gewisse Zeiten abgrenzen, in denen sich auch wahrlich erholt werden kann. Eine ständige Erreichbarkeit stresst und belastet sowohl Erwachsene als auch Jugendliche. Dadurch bedingte psychische Erkrankungen dürfen in einer nachhaltigen Wirtschaft nicht zur Regel werden.

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