KIRA SCHWARZ

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Unter nachhaltigem Wirtschaften verstehe ich die Art und Weise mit unternehmerischer Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass auch die Generationen nach uns noch in gleichem Umfang Zugang zu Ressourcen haben wie es uns aktuell möglich ist. Dies betrifft aus meiner Sicht sowohl die Nachhaltigkeit eines Unternehmens – sprich z.B. die Bindung von Mitarbeitern – als auch die Umwelt – d.h. so zu handeln und zu wirtschaften, dass die Umwelt hiervon soweit es geht unberührt bleibt.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Aus meiner Sicht ist das wichtigste menschliche Bedürfnis das nach Sicherheit. Sei es die Sicherheit, einen gesicherten Arbeitsplatz zu haben oder aber die Sicherheit, sich in seiner Umgebung frei und ohne Ängste bewegen zu können. In einer Zeit, in der es nicht mehr reicht, einfach nur einen Zaun oder eine Hecke um seinen Garten zu ziehen, müssen Unternehmen meiner Meinung nach ihren wirtschaftlichen Einfluss geltend machen, um diese Sicherheit der Zivilgesellschaft zu gewährleisten.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ein Beispiel sind jene Unternehmen, die sich bereits zum Global Compact bekennen und ihre Strategie und Aktivitäten an Nachhaltigkeitszielen und der Vision des UN Global Compact ausrichten. Im Vergleich zum weltweiten Kommittent können sich meiner Meinung nach ruhig noch mehr deutsche Unternehmen zum Global Compact bekennen.

DR. NARGESS ESKANDARI-GRÜNBERG

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften heißt, sich an den Kriterien der sozialen Gerechtigkeit und der Verantwortung gegenüber der Umwelt und unseren natürlichen Lebensbedingungen zu orientieren. Das gilt nicht nur für das eigene Land, sondern auch für die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Lebensbedingungen der Menschen in anderen Ländern, besonders natürlich in den Entwicklungsländern. Nachhaltiges Wirtschaften muss auch immer die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen auf zukünftige Generationen im Blick haben: in sozialer, ökologischer und finanzieller Hinsicht. Sonst kann es keine Generationengerechtigkeit geben. Für die Weltwirtschaft resultiert daraus die Forderung, die Globalisierung gerecht zu gestalten.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das Bedürfnis nach Freiheit und das Bedürfnis nach sozialer Sicherung. Wirtschaftliche Tätigkeit ist Ausdruck von Freiheit. Wir entscheiden uns, ein Unternehmen zu gründen oder einen bestimmten Beruf auszuüben. Das ist die eine Seite. Wir wissen aber auch, dass die Chancen, dies zu tun, nicht gerecht in der Gesellschaft verteilt sind und nicht jeder Mensch wirtschaftlich erfolgreich sein kann . Deshalb müssen Staat und Gesellschaft diese Menschen unterstützen. Wer nicht sozial abgesichert ist, ist nicht wirklich frei.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Für mich ist die soziale Marktwirtschaft, wie wir sie in der Bundesrepublik haben, ein grundsätzlich gutes Modell, weil es Freiheit gewährt und soziale Absicherung vorsieht. Ich denke aber auch, dass wir von dem Modell einer wirklichen Chancengerechtigkeit noch weit entfernt sind. Das sieht man auch in Frankfurt an den unterschiedlichen sozialen Milieus in den Frankfurter Stadtteilen, am Zugang zum Arbeitsmarkt und an den ungleich verteilten Chancen auf eine gute schulische und berufliche Bildung. Als Oberbürgermeisterin werde ich die Politik fortsetzen, die ich als Integrationsdezernentin über Jahre verfolgt habe: mehr Chancengerechtigkeit für alle Frankfurterinnen und Frankfurter.

CLAUDIA STRELZING

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften ist ein Schlagwort unserer Zeit, was häufig nur plakativ verwendet wird, weil es grade gut zum den Zeitgeist passt. Es wird häufig zusammen mit „Achtsamkeit“ verwendet, das leider auch schnell zur Worthülse wird.

Es ist jedem klar, dass wir immer und mit allen Ressourcen „achtsam“ umgehen. Das beginnt bei jedem selbst. Das Wasser muß nicht unendlich aus dem Wasserhahn und der Dusche laufen, das Licht kann auch mal ausgemacht werden oder der Computer nicht immer auf Stand-By in Lauerstellung sein. Vielleicht auch mal wieder das Fahrrad benutzen? Fleischkonsum reduzieren? Kleines kann wirklich Großes bewirken, wenn sich jeder beteiligen würde. Das ist aber genau der Punkt. Es macht nicht jeder mit. Nachhaltiges Wirtschaften wird auch belächelt und auch schnell in die Kiste „Gutmenschentun“ gepackt. Es ist aber ein alter Hut, dass fast alles endlich ist, dennoch wird kurzfristig unter der Perspektive der nächsten Wahl und/ oder unter Berücksichtigung Maximierung des eigenen (materiellen) Wohlergehens gehandelt.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?
Freiheit und Sicherheit und die Möglichkeit der Teilhabe aller.

Die Freiheit ist unser höchstes Gut, unter dem Zeichen der „Sicherheit“ wird es derzeit beängstigend eingeschränkt.

Gibt es aus deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich wohne derzeit in Oberbayern. Ein Beispiel von erfolgreichem und doch nachhaltigem Unternehmertum setzt dort der ehemalige Gründer des herkömmlich fleischverarbeitenden Unternehmens „Herta“. Um Tieren ein würdiges Leben zu ermöglichen, Menschen damit ein gutes und sicheres Fleisch zu bieten, setzte er seine Ideen von nachhaltigem wirtschaften in dem Bio-Hof Herrmannsdorfer Landwerkstätten um. Tierethik, ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Lebensmittelherstellung ist also durchaus mit Erfolg zu kombinieren.

Im Privaten sehe ich die immer größer werdende Begeisterung der Menschen Do-it-yourself (DIY) und Recycling. Flohmärkte erleben eine Renaissance. Upcycling ist das neue Schlagwort. Selbermachen ist im Trend. Immer mehr Menschen entdecken, dass es nicht nur neu gekaufte Dinge sein müssen, sondern dass auch das Wieder-Neu-Benutzen des Alten Sinn macht und interessant sein kann.

MARTIN LANGE

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Alle Handlungen die in dem Verständnis ausgeführt werden, dass die Ressourcen auf diesem Planeten endlich sind. Alle Handlungen die auch das Wohlergehen unserer Kinder und der nachfolgenden Generationen berücksichtigen. Ein System, dass wenn es 10, 100, 500 Jahre genau so weitergeführt wird, nicht in den Abgrund führt, sondern ausbalanciert ist und daher quasi endlos fortgeführt werden kann. 

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte? 

Die wichtigsten sind sicherlich Liebe/Gemeinschaft und Freiheit. Unternehmen die dies Berücksichtigen laufen die Mitarbeiter nur so zu. Es gibt nicht per se das eine wichtigste. Ich denke Maslow zeigt ganz gut wo und wie wir uns im Leben entwickeln können.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Eine Menge. Meist sind es junge Firmen die versuchen den Bedürfnissen im besonderen nachzukommen, nicht zuletzt auch damit sie als Arbeitgeber attraktiv sind. In der Start-Up Szene wird diesen Dingen z.B. stark Rechnung getragen. Doch nach der Wachstumsphase folgt unvermeidlich eine Phase in der mehr Struktur benötigt wird…


DR. JAN PHILIPP ENGELKE

  1. Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Für mich umfasst die Idee eines modernen Wirtschaftens den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen genauso wie die Achtung der Würde des Menschen. In einer einfachen, kurzen Beschreibung erschließt sich die Bedeutung der beiden Ebenen aus dem holistischen Verständnis von Systemerhalt auf fundamentaler Ebene – wie Wasser, Luft, Ressourcen, genauso wie der dem Menschen dienenden Infrastruktur im Einklang mit diesen Zielen – in Verbindung mit dem maximal möglichen, hoffentlich noch lange nicht erreichten Wunsch, den Menschen in all seinen Facetten zu erkunden und zu öffnen: in seiner ökonomischen wie künstlerischen Kreativität, Produktivität und Lebenszuversicht. In seiner Freiheit, Entscheidungen zu treffen, Fehler zu machen und Grenzen zu erkunden, sowie Raum und Räume zu gestalten.

  1. Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das Streben des Menschen nach Selbstentfaltung, Kreativität und sozialer Interaktion. Hierzu bedarf es offener Räume, die Impulse setzen, kreatives Arbeiten und Zielerreichung genauso wie Ruhe und Reflektion ermöglichen.

Allerdings können und sollten diese Bedürfnisse niemals für sich alleine stehen, sie sollten eingedenk der ureigensten menschlichen Schwächen gedacht werden: Narzissmus, Egoismus, Neid, wachstums- und generationenbedingte Abhängigkeiten, unterschiedliche Fähigkeiten, Angst – um nur einige zu nennen.

  1. Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich denke, dass Versuche, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu realisieren, in die richtige Richtung weisen. Menschen werden hierdurch Räume eröffnet, die sie für die Gestaltung sozialer Interaktion nutzen können. Durch erste Feldversuche, wie z. B. nun in Schleswig-Holstein, können die sozialen und kreativen Impulse einer subsistenzsichernden Grundsicherung erstmals gesamtgesellschaftlich erfahren, erfasst und diskutiert werden. Zudem denke ich, dass kooperatives Arbeiten, flexible Arbeitszeitmodelle und Shared-Economy-Ansätze ebenfalls Weichenstellungen für fundamentale Entwicklungen sein können.

Darüber hinaus sind mir die Diskursansätze noch zu sehr ideologisch aufgeladen, da sie Begriffe wie „Würde“ oder „Schöpfung“ konnotieren und noch zu stark klassischen Vorstellungen von Arbeit, Arbeitsorganisation und Wertschöpfung unterwerfen. Den Instrumenten fehlt daher – aus meiner persönlichen Sicht – ein wahrhaft liberaler Rahmen, der den Menschen in seiner Ganzheit in den Mittelpunkt rückt.

MARLON HASSEL

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Einen langfristig positiven Wert für Eigentümer, Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt zu schaffen.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Die persönliche Freiheit zur Mitgestaltung von Unternehmensentscheidung sowie die persönliche Verantwortung für das eigene Handeln

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Siemens wurde 2017 zum nachhaltigsten Unternehmen der Welt gewählt. Mit einem breiten Portfolio aus Umwelt-, Infrastruktur- und Medizintechnologien arbeiten unsere Ingenieure täglich daran, das Leben von Millionen Menschen besser zu machen.

CAROLINE KROHN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften ist aus meiner Sicht deutlich mehr, als Ökologie und Soziales in die Wertschöpfung eines Unternehmens zu integrieren: Nachhaltig zu denken bedeutet, Dinge zu Ende zu denken; die Konsequenzen von Entscheidungen zu bedenken und sich zu fragen, ob dies genau das Ergebnis ist, das man sich von einer Entscheidung erhofft. Natürlich ist ein Teil dessen eine ökologische, oder eine soziale Erwägung. Und ja: Ökologie und Soziales stehen auf den ersten Blick manchmal im Widerspruch zu einem ökonomischen Nutzen. Ein ökonomischer Nutzen zeigt sich in der Regel in einer Gewinnerzielung, oder in einer Ressourceneinsparung. So scheint es ökonomisch zunächst durchaus „günstig“, meinen Produktionsmüll in einem Fluss zu entsorgen. Oder es ist „günstig“, Mitarbeiter unvergütet 12 und mehr Stunden am Tag arbeiten zu lassen. Nur welche Konsequenz haben diese beiden Management-Entscheidungen, die allein den unmittelbaren, kurzfristigen Nutzen im Blick haben? Zugegeben: dies sind zwei äußerst triviale Beispiele. Über diese beiden Erkenntnisse sind wir ja seit über einem Jahrhundert hinweg. Oder?

Noch immer aktuell ist allemal, alles das, was einen kurzfristigen finanziellen Erfolg bringt, als Maßstab für Entscheidungen zu nehmen. Die mitunter gesetzliche Durchsetzung von Standards, die sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren, nimmt man folglich als Verhinderung wahr. In Teilen ist diese Wahrnehmung richtig. Regulation kann immer nur von Standardfällen ausgehen und in der Ausführung trägt sie oft seltsame bürokratisch anmutende Stilblüten. Oft sind Regulationen in ihrer Verabschiedung auch weit von dem entfernt, wie sie in ihrem Entwurf gemeint waren, weil ein Gesetzgebungsprozess viel Einflussnahme von unterschiedlichen Interessengruppen beinhaltet.

Die Frage, die wir uns als Manager aber stellen müssen, ist: warum muss es erst so weit kommen, dass die Politik einen Handlungsbedarf sieht? Wieso gelingt es nicht standardmäßig, Entscheidungen so zu treffen, als wären wir am Gemeinwohl orientiert? Ich sage bewusst, „wir“, denn jede/r von uns, der/die sich in einer Situation befindet, trifft geschäftliche oder auch private Entscheidungen, die irgendwie Auswirkungen auf mindestens einen anderen Menschen haben (also geschätzte 99,99% aller Entscheidungen, die man im Leben trifft). Je mehr Menschen von meiner Entscheidung betroffen sind, desto größer müsste doch meine Gemeinwohlorientierung sein! Im Kleinen, wie im Großen, muss jede/r von uns bedenken, was passiert, wenn die Entscheidung getroffen und der Inhalt entsprechend umgesetzt wird. Dinge, die wir tun, haben immer Folgen. Die Fragestellung lautet darum nie nur: was sollen wir tun? Sondern sie muss immer auch lauten: was passiert, wenn wir etwas mit Erfolg tun?

In der Wirtschaft übersetzen wir Nachhaltigeit heute oft mit der Fähigkeit, am Ende eines Bürotages das Licht auszuknipsen. Wenn das alle im Konzern tun, dann schafft es die Energieersparnis in den Nachhaltigkeitsbericht. Dieser ringt um sogenannte nicht-finanzielle Indikatoren und verursacht bei den Verfassern dieser Berichte oft Kopfschmerzen, denn was bietet sich einem alles so zum Zählen an, wenn die ökonomische Logik bereits im Geschäftsbericht erfasst ist?

Nachhaltiges Wirtschaften entspricht nicht der Logik des reinen Zählens. Es geht hier nicht nur darum, zu wachsen, zu vermehren, zu bereichern. Es geht darum, zu erhalten, zu stabilisieren und zu verbessern, also in diesem Sinne Next Level Management: Allein-ökonomischen Reflexen zu widerstehen. Nachzudenken. Trieben, wie der Gier zu widerstehen. Es geht darum, das Große Ganze zu berücksichtigen und Entscheidungen nicht zu isolieren. Nicht innerhalb des eigenen Systems das Richtige zu tun, sondern sich gelegentlich zu fragen, ob auch das System selbst richtig ist.

Wenn ich nur darauf achte, Schrauben richtig ins Gewinde zu drehen, dann bin ich erfolgreich, wenn alle Schrauben fest sitzen. Wenn ich dann aber sehe, dass ich beispielsweise eine Waffe gebaut habe, deren Zweck es ist, Menschen zu töten, dann sollte ich mich zumindest einmal gefragt haben, ob ich das mit meinem Wertekanon vereinbaren kann. Vielleicht muss ich einen Kompromiss eingehen, weil mir beispielsweise wichtiger ist, meine Familie zu ernähren. Aber auch das will bewusst entschieden sein. Das ist aus meiner Sicht nachhaltiges Denken. Und damit implizit auch nachhaltiges Wirtschaften.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Ich glaube, dass ein Leben in Würde für jeden Menschen gelten sollte und dass unser gesamtes Wirken, inklusive des wirtschaftlichen Wirkens, darauf ausgerichtet sein sollte, jedem Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Ein würdevolles Leben unterscheidet sich dahingehend von reinem Überleben, dass ein Mensch zusätzlich zur Ermöglichung der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie körperliche Unversehrtheit, Gesundheit, Ernährung und dergleichen, auch die Autonomie der Gestaltungsfreiheit des eigenen Lebens hat. Selbstbestimmt leben zu können (natürlich ohne andere in ihrer Freiheit einzuschränken, also stets im Kompromiss, nicht im Egoismus), setzt Bildung und Wohlstand und eine gewisse materielle Sicherheit voraus.

Fair und nachhaltig zu wirtschaften inkludiert im Gegensatz zu konventionellem Wirtschaften diese Erwägung. Ich muss als Unternehmen dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter einen anständigen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Ich muss als Unternehmen gleichzeitig dafür sorgen, dass mein Kunde einen angemessenen Preis für eine Leistung bezahlen – keinen Wucher, keine Flatrates auf Kosten meiner Ressourcen. Dinge haben einen Wert. Der Wettbewerb ist belastend, aber ich muss mich als Unternehmen fragen, wer wirklich das Geld zahlt, das ich für den Wert eines Produktes errechnet habe. Zahlt es jemand, der sich hier Essen, Kleidung, Autos oder Aktien kauft, oder zahlt es das Kind in Bangladesh? Zahlt es jemand, der hier sein Haus in rosa oder gelb tüncht, oder zahlt es ein Kombattant in Syrien? Zahlt es derjenige, der im Winter unbedingt Rosen verschenken muss, oder zahlt es derjenige, der in Afrika der Rosen wegen keinen Mais anbauen darf?

Ich sprach neulich mit einem obdachlosen Mann am Frankfurter Hauptbahnhof. Ich fand ihn schreiend vor, weil er von Passanten gerade physisch gedemütigt worden war. Er berichtete mir, dass er seit Jahren nicht mehr tief geschlafen hat, weil Gewalttäter Obdachlose vorzugsweise im Schlaf heimsuchten. Schlafentzug ist eine Folter. Folter macht Menschen kaputt. Dieser Mensch war traumatisiert. Er suchte eine Bleibe; einfach damit er einmal richtig schlafen könne. Frei sein, um schlafen zu können. Frei sein, um ein Primärbedürfnis zu erfüllen. Jeder, der ihm auf seinem Weg aber helfen wollte, nahm ihm zuerst das eine: die Freiheit. Die Autonomie. Seine Würde. Es ist unvorstellbar, dass er es vorzog, nicht schlafen zu dürfen, als nicht frei zu sein.

Was hat diese Geschichte mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun? Wirtschaft profitiert von Handlungsfreiheit, also muss sie zuallererst die Freiheit des Indiviuums anerkennen und fördern. Unternehmen fordern von solchen Menschen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Disziplin. Und für sich selbst Freiheit. Ich fordere für diese Menschen mehr Freiheit und für Unternehmen mehr Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen, mehr Flexibilität in Zeiten, in denen wir alle einen Weg suchen, der Komplexität unserer Zeit Herr werden zu können. Und ich fordere von Unternehmen vor allem Disziplin. Genauso wie es Disziplin erfordert, sich gesund zu ernähren, Geld zu sparen, geduldig zu sein, Pflichten nachzukommen, erfordert es Disziplin, sich bespielsweise auf Diversität einzulassen. Es erfordert Disziplin, einer Fertigung die Zeit einzuberaumen, die sie braucht, um eine Qualität zu bekommen, die dem Preis angemessen ist. Es erfordert Disziplin, sich der Öffentlichkeit immer und immer wieder zu erklären und die eigene Sichtweise darzulegen, so oft, so ausführlich und gleichzeitig so einfach es geht. Es erfordert Disziplin, Freiheit zu organisieren. Nachhaltig zu wirtschaften bedeutet aus meiner Sicht daher, sich verantwortlich zu zeigen und Teilhabe zu leisten an der Gestaltung würdevollen Lebens, überall dort, wohin unsere Handlungswirkung reicht.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich bin insgesamt optimistisch, weil ich glaube, dass es immer mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit gibt, nachhaltig zu wirtschaften. Es gibt einen großen öffentlichen Diskurs, der in Teilen auch den öffentlich wirksamen Druck von Organisationen ablöst. Durch den Zugang zu Informationen, die die neuen Medien uns gestatten, haben wir viel Einblick in die Auswirkungen unseres Tun. Dass wir gleichzeitig eine erhöhte Skepsis am Wahrheitsgehalt der digitalen Quellen hegen, liegt in Teilen auch an der Erkenntnis, dass auch hier sich kriminelle staatliche und nicht-staatliche Kräfte diese Freiheit der Informationsgewinnung zueigen machen und mit selbstreferenziellen Algorithmen, sogenannten Fake News und dergleichen den Eindruck aufrecht erhalten, man läge mit seiner Meinung immer richtig. Das Resultat ist eine sich verbreitende Welle von Anti-Intellektualismus, eine Kapitulation vor populistischen Tendenzen und eine Abkehr der Errungenschaften der sogenannten Political Correnctness, die nichts anderes beabsichtigt, als den Respekt vor Menschengruppen und Demut vor der Komplexität von Phänomenen.

Meiner Überzeugung nach ist das Ziel der Politik wie der Wirtschaft, Menschen Mündigkeit zu ermöglichen. Wirtschaft, die dies durch Big Data unterbinden möchte, ist das größte Negativbeispiel unserer Zeit. Umgekehrt ist der politische, der zivilgesellschaftliche und nicht zuletzt der wirtschaftliche Widerstand gegen eben diese Tendenz das positivste Beispiel, das das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in den Entwicklungen von Informationstechnologie bewirkt.