OMID NOURIPOUR MdB

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Dass damit mindestens die derzeitige Lebensgrundlage gedeckt wird ohne dabei die Fähigkeiten künftiger Generationen, ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, einzuschränken. Das bedeutet soziale und ökologische Verantwortung zu tragen. Es geht insofern nicht nur um den Schutz unserer Umwelt, sondern beispielsweise auch um Teilhabe und das inkludiert beispielsweise die Nutzung von Wohnraum, faire Löhne, etc. Wachstum und Wohlstand dürfen weder auf Kosten unserer Umwelt noch unserer Mitmenschen erwirtschaftet werden. Wir brauchen dafür einen Paradigmenwechsel und ganzheitliche Strategien: technische Innovationen, neue Geschäftsmodelle und Produktionsweisen aber auch ein verändertes Konsumverhalten sind dabei entscheidend.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Es fällt mir schwer es an einer Sache festzumachen. Soziale Sicherheit, menschenwürdige Arbeit, Gleichberechtigung, Bildung, Gesundheit sowie sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass Menschen in Würde leben und ihre Fähigkeiten entfalten können. Politik und Wirtschaft stehen in der Verantwortung sich mindestens für all das stark zu machen. Demokratie und gute Regierungsführung sind damit eng verbunden.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Es gibt tatsächlich bereits zahlreiche Beispiele in der sogenannten Kreislaufwirtschaft bzw. der sharing economy. Von konventionellen „Wegwerfgesellschaft“ hin zur dauerhaften, fortlaufenden Nutzung verfügbarer Werte.

Ich sehe da auch die Politik in der Verantwortung die richtigen Anreize zu schaffen. Spontan fällt mir ein Beispiel aus Schweden ein. Dort gibt es eine tolle Initiative, die die Mehrwertsteuer für Reparaturarbeiten deutlich senkt. Das wirkt sich positiv auf den Arbeitsmarkt sowie auf die Müllreduktion aus.

DR. SIMON VOGT

Was verstehst du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Auch auf sich ändernde technische, politische, soziale und naturgesetzliche Rahmenbedingungen vorbereitet zu sein. Und trotzdem so zu wirtschaften dass auf Dauer die eigene Existenz und die Existenz der eigenen und anderer Spezies fortgeführt werden kann.

Im Kleineren bedeutet das auch die Ermöglichung sozialer Teilhabe und Förderung menschlicher Kreativität, um aus möglichst vielen klugen Köpfen einige gute Ideen zu unserem (indirekten) Fortbestand zu erhalten. Dies können auch Ideen zur Arbeitserleichterung sein, durch die mehr Zeit für kreatives Denken Anderer frei wird während deren Grundbedürfnisse weiterhin befriedigt werden.

Dazu gehört auch gerade die Schaffung von Räumen individueller freier Entfaltung, da persönliche Freiheit eine der Grundvoraussetzungen für neue soziale, politische, technische Antworten ist, um auf eine sich ständig verändernde Welt reagieren zu können. Für ein Wirtschaftsunternehmen ergibt sich daraus auch die Anforderung, Arbeitnehmern einen größeren Anteil an kreativem Handeln und Ausprobieren zu ermöglichen, da rein mechanische (Geistes-)Arbeit in naher Zukunft eh leicht durch Maschinen durchgeführt werden kann.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das menschliche Grundbedürfnis nach sozialer Teilhabe und Gerechtigkeit.

Es gibt ein bezeichnendes Video bei dem das Gerechtigkeitsempfinden von Kapuzineraffen demonstriert wird (https://www.youtube.com/watch?v=lKhAd0Tyny0). Ähnliche Tests führen auch bei Menschen regelmäßig zu ähnlichen Ergebnissen. Leider lässt sich das menschliche Gerechtigkeitsempfinden leicht verwirren und daher oft auch für ungerechte Zwecke mißbrauchen. Doch kann man dessen grundlegende Existenz schwer leugnen. Zwar gilt unterschiedliche Vergütung für gleiche Arbeit allgemein als ungerecht und damit inzwischen als nicht erstrebenswert, doch ist es eine weitaus umstrittenere Frage wie unterschiedliche Arbeit vergütet bzw. wie die Vergütung gestaffelt sein soll.

Das Streben nach sozialer Teilhabe äußert sich oft auch im Streben nach sozialem Status. Da dies eine starke Motivation für die punktuelle Konzentration von Vergütung und Entscheidungsfreiheit ist, läuft dies leicht einem gesellschaftlichen Gerechtigkeitsempfinden entgegen. Unterschiedliche Gesellschaften haben hier unterschiedliche Abwägungen gefunden. Wenn sozialer Status besonders stark an finanzielle Vergütung gekoppelt ist, scheinen Gesellschaften leicht in eine soziale Schieflage zu geraten und damit nicht mehr fortbestehen zu können, während eine Gesellschaft, in der bessere/geschicktere Produktivität gar nicht zu einer Verbesserung des sozialen Status führt, als Ganzes wohl leicht ineffektiv wird und damit ebenfalls nicht nachhaltig ist.

Aus diesen Binsenweisheiten ergibt sich für mich die Forderung, dass die Staffelung von Vergütung mindestens transparent organisiert sein soll, damit eine Gesellschaft für sich eine wohlinformierte Abwägung zwischen Vergütungsstaffelung und Gerechtigkeitsempfinden setzen kann. Wenn tatsächlich in mittlerer Zukunft ein großer Teil unserer physiologischen Grundbedürfnisse durch Maschinen erfüllt werden kann, wird wohl eine Neudefinition von sozialem Status und Motivation für kreative produktive Arbeit immer wichtiger werden. Vielleicht ist die immer öfter gehörte Forderung nach Förderung des Ehrenamts eine Möglichkeit, das Streben nach sozialem Status von der Verteilung materieller Vergütung zu entkoppeln. Doch da ehrenamtliches Engagement und interessengetriebene Arbeit als Messlatte für Sozialstatus sehr viel schwerer vergleichbar sind als ein Geldbetrag auf jemandes Konto, könnte dieser Übergang wohl nur langsam passieren können.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Die in mehreren Unternehmen schon praktizierte „20% Time“. Grundsätzlich scheint hier die Förderung von individueller Kreativität und unerwarteter Ideen im Vordergrund zu stehen. Wie weit die Umsetzung mit diesem Vorsatz vereint wird, hängt aber wohl noch stark vom jeweiligen Unternehmen und der umsetzenden Arbeitsgruppe ab.

Und natürlich auch die traditionellen Definitionen wie z.B. die Herstellung recyclingfähiger Produkte, der Verwendung nachwachsender und wiederverwendbarer Rohstoffe, Vermeidung von Müll und Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung, Arbeitsbedingungen die nicht zum „Burnout“ führen und dem Menschen Zeit geben, auch noch anderen Interessen als der Hauptarbeit nach zu gehen.

MICHAEL GREZA

Was verstehst du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften sollte zwei Aspekte berücksichtigen. Einerseits sollte sichergestellt sein, dass künftige Generationen den gleichen Zugang zu Ressourcen haben, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich ist, sprich: Ressourcen-, Klima- und Artenschutz müssen gewährleistet sein. Zum anderen soll ein fairer Umgang sowohl zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern als auch zu Zulieferern und Kunden den Erhalt eines beständigen und gesunden Unternehmens ermöglichen.

Was ist das wichtigste Grundbedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Es ist elementar, dass die Existenz jedes Menschen gesichert ist und der Arbeitgeber dies durch eine der Arbeit angemessene Bezahlung ermöglicht. Benachteiligte Menschen müssen gemeinsam von Staat und Wirtschaft gefördert werden, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Es gibt immer mehr Betriebe, die auf die Wahl ihrer Zulieferer oder die Produktionsbedingungen achten, um Umweltschäden gering zu halten oder diese zumindest auszugleichen. Obwohl natürlich noch in vielen Bereichen starke Verbesserungen nötig sind, befindet sich Rewe als großer Lebensmittelhändler auf einem guten Weg zu einem nachhaltigeren Wirtschaften.

Auch der Ruf nach besseren Arbeitsbedingungen und fairer Bezahlung wird von vielen Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften gehört. Familienfreundliche Modelle sind auf dem Vormarsch und das Potential integrativer Unternehmen wie auticon wird langsam entdeckt.

Viele junge Unternehmen zeigen Möglichkeiten auf und gehen voran, jedoch ist die Dringlichkeit eines Umdenkens durch Klimawandel und zunehmend unausgewogener Vermögensverteilung größer, als der momentan tatsächlich stattfindende Wandel.

THERESA KRKNJAK

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften ist für mich, wenn der Mensch im Einklang mit der Natur, Tieren und natürlich sich selbst Ressourcen fördert, Produkte erzeugt und Handel betreibt. Das umfasst einerseits einen schonenden Umgang mit der Natur (z.B. Respekt vor Schutzzonen, Fanggrenzen), andererseits den fairen Umgang mit Menschen, die sich im Respekt vor Besitzrechten oder auch fairen Löhnen/Preisen widerspiegeln. Nachhaltiges Wirtschaften sollte das Zahlen von Entwicklungshilfe obsolet machen und Menschen die Mittel erwirtschaften lassen, die sie für ihre Arbeit verdienen.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Das wichtigste (menschliche) Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte ist die Chance, an der Wirtschaft zu fairen Bedingungen teilhabenzu können.

So ist es nicht fair, wenn Kaffeebauern zu niedrigsten Löhnen ihre Bohnen verkaufen, diese dann aber mit horrenden Margen an den Endverbraucher weiterverkauft werden.

Es ist nicht fair, wenn Tiere, die nicht einmal etwas von ihrem wirtschaftlichen Wert haben, während der Produktion unter schlimmen Bedingungen gehalten werden, die sämtliche ihrer Rechten verletzen.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

– Original unverpackt

– Lush

– Too good to go

– Armed angels