ELLEN ENSLIN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Die Wirtschaft hat als maßgeblicher Akteur in einer globalisierten Welt eine Verantwortung für die nachfolgenden Generationen und die begrenzten natürlichen Ressourcen.
Übertragen auf ein Unternehmen bedeutet Nachhaltigkeit die Verantwortung, Ressourcen effizient einzusetzen, um die Unternehmensaktivitäten sozial- und umweltverträglich kontinuierlich zu verbessern und so den ökonomischen Erfolg zu sichern.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?
Eine gesündere und lebenswertere Umwelt erhalten, denn sie bildet die Lebensgrundlage für zukünftige Generationen. Für Kunden und Partner ist Vertrauen und Transparenz wichtig, und dass Unternehmen fair, verantwortlich und ehrlich handeln. Besonders bei globalisierten Lieferketten tragen Unternehmen eine Verantwortung, unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen z. B. ihre Produkte produziert werden.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?
Natürlich! Neben den Unternehmen, bei denen Nachhaltigkeit Grundlage ihres Geschäftsmodells ist, gibt es auch „konventionelle“ Unternehmen, die sich mit Mut und Innovation auf den Weg gemacht haben, ihr Unternehmen nachhaltiger zu gestalten: z. B. das „Rinn Betonwerk“ oder die Druckerei Lokay. Rinn stellt seine Produktion auf CO2-Neutralität um und hat einen Recycling Stein entwickelt. Lokay hat schon frühzeitig seine Druckprozesse auf Nachhaltigkeit umgestellt.

OMID NOURIPOUR MdB

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Dass damit mindestens die derzeitige Lebensgrundlage gedeckt wird ohne dabei die Fähigkeiten künftiger Generationen, ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, einzuschränken. Das bedeutet soziale und ökologische Verantwortung zu tragen. Es geht insofern nicht nur um den Schutz unserer Umwelt, sondern beispielsweise auch um Teilhabe und das inkludiert beispielsweise die Nutzung von Wohnraum, faire Löhne, etc. Wachstum und Wohlstand dürfen weder auf Kosten unserer Umwelt noch unserer Mitmenschen erwirtschaftet werden. Wir brauchen dafür einen Paradigmenwechsel und ganzheitliche Strategien: technische Innovationen, neue Geschäftsmodelle und Produktionsweisen aber auch ein verändertes Konsumverhalten sind dabei entscheidend.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Es fällt mir schwer es an einer Sache festzumachen. Soziale Sicherheit, menschenwürdige Arbeit, Gleichberechtigung, Bildung, Gesundheit sowie sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass Menschen in Würde leben und ihre Fähigkeiten entfalten können. Politik und Wirtschaft stehen in der Verantwortung sich mindestens für all das stark zu machen. Demokratie und gute Regierungsführung sind damit eng verbunden.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Es gibt tatsächlich bereits zahlreiche Beispiele in der sogenannten Kreislaufwirtschaft bzw. der sharing economy. Von konventionellen „Wegwerfgesellschaft“ hin zur dauerhaften, fortlaufenden Nutzung verfügbarer Werte.

Ich sehe da auch die Politik in der Verantwortung die richtigen Anreize zu schaffen. Spontan fällt mir ein Beispiel aus Schweden ein. Dort gibt es eine tolle Initiative, die die Mehrwertsteuer für Reparaturarbeiten deutlich senkt. Das wirkt sich positiv auf den Arbeitsmarkt sowie auf die Müllreduktion aus.

KIRA SCHWARZ

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Unter nachhaltigem Wirtschaften verstehe ich die Art und Weise mit unternehmerischer Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass auch die Generationen nach uns noch in gleichem Umfang Zugang zu Ressourcen haben wie es uns aktuell möglich ist. Dies betrifft aus meiner Sicht sowohl die Nachhaltigkeit eines Unternehmens – sprich z.B. die Bindung von Mitarbeitern – als auch die Umwelt – d.h. so zu handeln und zu wirtschaften, dass die Umwelt hiervon soweit es geht unberührt bleibt.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Aus meiner Sicht ist das wichtigste menschliche Bedürfnis das nach Sicherheit. Sei es die Sicherheit, einen gesicherten Arbeitsplatz zu haben oder aber die Sicherheit, sich in seiner Umgebung frei und ohne Ängste bewegen zu können. In einer Zeit, in der es nicht mehr reicht, einfach nur einen Zaun oder eine Hecke um seinen Garten zu ziehen, müssen Unternehmen meiner Meinung nach ihren wirtschaftlichen Einfluss geltend machen, um diese Sicherheit der Zivilgesellschaft zu gewährleisten.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ein Beispiel sind jene Unternehmen, die sich bereits zum Global Compact bekennen und ihre Strategie und Aktivitäten an Nachhaltigkeitszielen und der Vision des UN Global Compact ausrichten. Im Vergleich zum weltweiten Kommittent können sich meiner Meinung nach ruhig noch mehr deutsche Unternehmen zum Global Compact bekennen.

KIM STROINSKI

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Die wesentlichen Spielräume der Nachhaltigkeit sind die ökonomische, die ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Im Zentrum steht das verantwortliche Handeln unter Berücksichtigung aller Anspruchspersonen; denn nur wer die Bedürfnisse seiner Interessengruppen kennt und berücksichtigt, kann langfristig profitieren.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Die Liebe zu leben und damit die Verbundenheit zur Zivilisation, das heißt Rücksicht nehmen auf die Zukunft mit einem gewissen Maß nachhaltigen Verhaltens von Mensch und Unternehmen.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Alle Generationen, alle Menschen stehen in der Verantwortung, heute so zu agieren, dass auch künftige Generationen noch eine lebenswerte und intakte Umwelt vorfinden. Der Mensch und die Unternehmen müssen umdenken und Verantwortung nicht nur für die Zukunft des Unternehmens, sondern für ein nachhaltiges Wirtschaften übernehmen, damit mittelfristig auch die folgenden Generationen am Erfolg teilhaben können. Der größte Handlungsbedarf besteht dort, wo ohne aktive Verhaltens- und Prozessänderungen begrenzte natürliche Ressourcen verbraucht werden und die Auswirkungen auf nachfolgende Generationen nicht mit bedacht werden.

Ich meine, wir stehen erst am Anfang, erst im Beginn zu verändern oder Veränderungen nachhaltig beizufügen. Wir sind gut beraten stetig laufende Prozesse, gewohnte Abläufe, unser übliches Verhalten zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen oder nachhaltig zu optimieren.

Damit es Zukunft in der Zukunft gibt!

MARA TAYLOR, PHD

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften heißt für mich, Prioritäten zu setzen, die über den eigenen Gewinn hinausgehen. Unternehmen, Institute und Regierungen müssen sich dafür einsetzen, die akuten Ungleichheiten in der globalen Wirtschaft auszugleichen; die bestehende und sich täglich verschlimmernde Umweltkrise zu verstehen und zu bewältigen und für die faire und gleiche Behandlung aller Menschen zu kämpfen. Dabei gilt es unseren Erdball und seine vielfältigen Ressourcen und Menschen nie zu vergessen. Das bedeutet auch, und dieser Punkt ist vielleicht am wichtigsten, Zusammenarbeit anzustreben und dabei Grenzen zu überschreiten – staatliche, industrielle und fachliche Grenzen. Umwelt ist eine globale Angelegenheit – so auch die Grundsicherung menschlicher Bedürfnisse. Daher haben wir eine globale Verantwortung, diese Punkte gemeinsam anzugehen, um die jetzige Lage nachhaltig zu verbessern.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Wenn man von menschlichen Bedürfnissen spricht, vergisst man allzu oft die sogenannten höheren Bedürfnisse. Natürlich müssen erst die physiologischen und sozialen Bedürfnisse sowie die Sicherheitsbedürfnisse des Menschen auf der ganzen Welt Berücksichtigung finden– was leider nicht immer selbstverständlich ist. Aber damit ist es längst nicht genug. Unternehmen und Regierungen sollten ebenfalls die menschlichen Bedürfnisse in Betracht ziehen, die zur Selbstverwirklichung und Zufriedenheit beitragen, wie z.B. Gewissheit, Abwechslung, Liebe, Wachstum und Mitwirkung. Wir müssen uns wiederholt fragen, wie wir es Menschen ermöglichen können, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen und wie wir ihnen Raum dafür geben können, zu wachsen und ihrem eigenen Leben eine tiefgreifendere Bedeutung beizumessen.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Als Amerikanerin bin ich immer wieder sehr von der Fortschrittlichkeit in puncto nachhaltiges Wirtschaften hier in Europa begeistert. Im Vergleich zu meinem Heimatland sind einige europäische Länder der USA weit voraus. In Deutschland, zum Beispiel, ist es die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, der Umweltschutz oder die Asylpolitik. In einigen niederländischen Städten, z.B. Utrecht, wird derzeit das Konzept des Grundeinkommens erprobt. In Schweden sind Väter explizit gefragt, die Elternzeit zu 50% mit der Frau zu teilen. Natürlich ist nicht alles in Europa perfekt, aber diese Beispiele von Ländern, die in ihre Bevölkerung investieren, um dadurch ihren Erhalt nachhaltig zu sichern, geben mir Hoffnung für die Zukunft.

DR. DENIS BELYAEV

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Vor allem verantwortungsvolles, gerechtes Wirtschaften, von dem nicht nur wir, sondern auch unsere Nachfahren etwas haben

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Hier würde ich zwei (Grund)bedürfnisse bzw. Probleme hervorheben, die aus meiner Sicht auch die wichtigsten zu sein scheinen: Trinkwasser und Nahrung

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Soviel ich weiss, gibt es da zahlreiche, auch z.T. wohltätige Initiativen, die sich mit den Problemen befassen, sowie sich mit ihrem Tun durchzusetzen versuchen. Man hört und liest aber eher wenig davon.

BARBARA BAUSCH

Was verstehst Du/Sie unter fairem und nachhaltigem Wirtschaften?

Vor einiger Zeit sprach man gemeinhin noch von „Umsatzsteigerung“. Inzwischen scheint dieser Begriff völlig von „Gewinnsteigerung“ abgelöst worden zu sein.

Schon hinsichtlich der Vorgabe fairen und effizienten Wettbewerbs ist Gewinnsteigerung weder unendlich noch unter fairen Methoden dauerhaft realisierbar. Die Begriffe selbst sprechen dafür, wem Umsatz nützt und wem Gewinn. Weder Nachhaltigkeit noch Fairness kann meines Erachtens unter diesem Bestreben gegeben sein. Weder ökonomisch, noch ökologisch oder sozial.

Da es einfacher ist, Negativbeispiele zu finden, wäre an der Stelle unter anderem der rasant wachsende Wohnungsbau zu Spekulationszwecken zu nennen: Millionen von leerstehenden Behausungen, ebenso viele Wohnungssuchende, die die Kosten dafür nicht aufbringen können, und die Gleichgültigkeit derer, deren Interesse mitnichten darin, liegt, Menschen ein Dach über den Kopf zu bauen, sondern vielmehr, Gewinne daraus zu erzielen.

Was das – nebenbei – mit der Umwelt macht, liegt auf der Hand und hat mit Nachhaltigkeit im ökologischen Sinne ebenfalls nichts mehr zu tun.

Nachhaltiges Wirtschaften impliziert in meinen Augen verantwortungsvolle Weitsicht über die eigene Generation hinaus: Was funktioniert (evtl. in leicht abgewandelter und/oder verbesserter Form) in 50 Jahren noch genauso? Was für Ressourcen werden benötigt und sind diese in 50 Jahren noch im selben Umfang vorhanden, ohne die Menschheit ihrer Grundlagen zu berauben? Kann die nötige Arbeit folgenlos über mehrere Jahre geleistet werden und welche Voraussetzung ist dafür notwendig? Wenn wir als Entscheidungsträger abdanken, was hinterlassen wir der nächsten Generation?

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Respekt.

Respekt gegenüber den Ressourcen, die jedes Glied einer Wertschöpfungskette zum großen Ganzen beiträgt.

Gälte das, wäre „Fair Trade“ kein Gütesiegel, sondern Standard, müssten Angestellte vieler Betriebe nach einer 40-Stunden-Woche plus Überstunden nicht „aufstocken“, würden Zugeständnisse nicht über die Köpfe derer hinweg gemacht, die sie letztlich leisten müssen und stünde unsere Umwelt nicht kurz vor dem Kollaps.

Gibt es aus Deiner/Ihrer Sicht schon positive Beispiele?

Diverse Start-Ups, die qualitativ hochwertige und weitestgehend „faire Produkte“ auf den Markt bringen und deren Güte sie mit „Lebenslange Garantie“ besiegeln, sind ein Hoffnungsschimmer, der sich hoffentlich weiter fortsetzt.

CHRISTIAN STENGL

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltigkeit impliziert für mich vor allem (verhältnismäßig verlängerte oder maximal verlängerte) Dauer von menschlich Geschaffenem (Artefakten/Produkten, Ideen/Dienstleistungen, politischen/gesellschaftlichen Strukturen). Damit meine ich eine bestärkte Beständigkeit von Entscheidungen, deren Mindesthaltbarkeit nicht mit der Veröffentlichung der Quartalszahlen verfällt, sondern sich über mehrere Generationen erstreckt.

Das Hauptentscheidungskriterium dabei ist, dass menschlich Geschaffenes den geringst möglichen Schaden für jedwelche Lebewesen und deren Habitat verursacht. Positiv formuliert hießen die Leitfragen für “nachhaltiges Wirtschaften” also: Nützt das Geschaffene mehr als es schadet? Wem? In welcher Hinsicht, in welcher Quantität? Und in welcher Qualität?

Nachhaltiges Wirtschaften könnte die Grundlage für einen neuen, globalen Generationenvertrag werden: Neu und global in der Hinsicht, dass es sich beim nachhaltigen Wirtschaften nicht mehr vorrangig um unverhältnismäßiges Aufrechterhalten und gezielten Ausbau des eigenen (deutschen) Wohl(stand)s auf Kosten “Anderer” (Individuen, Gesellschaftsschichten, Ländern, Kontinenten, Umwelt) geht.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Verantwortung und Empathie als Eigenschaften, die das menschliche Grundbedürfnis der Anerkennung bestmöglich bedienen.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ja, es gibt sie auf globaler und lokaler Ebene:

GLOBAL

Das Übereinkommen von Paris zur Begrenzung der menschengemachten globalen Erwärmung, trotz der politischen Hänge- und Würgepartie

LOCAL

Die in Deutschland höchst erfolgreiche Umsetzung der Genossenschaftsidee, beispielsweise im Finanzsektor und im Wohnungsbau oder in Landwirtschaft und im Einzelhandel.

MARLON HASSEL

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Einen langfristig positiven Wert für Eigentümer, Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt zu schaffen.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Die persönliche Freiheit zur Mitgestaltung von Unternehmensentscheidung sowie die persönliche Verantwortung für das eigene Handeln

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Siemens wurde 2017 zum nachhaltigsten Unternehmen der Welt gewählt. Mit einem breiten Portfolio aus Umwelt-, Infrastruktur- und Medizintechnologien arbeiten unsere Ingenieure täglich daran, das Leben von Millionen Menschen besser zu machen.

CAROLINE KROHN

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften ist aus meiner Sicht deutlich mehr, als Ökologie und Soziales in die Wertschöpfung eines Unternehmens zu integrieren: Nachhaltig zu denken bedeutet, Dinge zu Ende zu denken; die Konsequenzen von Entscheidungen zu bedenken und sich zu fragen, ob dies genau das Ergebnis ist, das man sich von einer Entscheidung erhofft. Natürlich ist ein Teil dessen eine ökologische, oder eine soziale Erwägung. Und ja: Ökologie und Soziales stehen auf den ersten Blick manchmal im Widerspruch zu einem ökonomischen Nutzen. Ein ökonomischer Nutzen zeigt sich in der Regel in einer Gewinnerzielung, oder in einer Ressourceneinsparung. So scheint es ökonomisch zunächst durchaus „günstig“, meinen Produktionsmüll in einem Fluss zu entsorgen. Oder es ist „günstig“, Mitarbeiter unvergütet 12 und mehr Stunden am Tag arbeiten zu lassen. Nur welche Konsequenz haben diese beiden Management-Entscheidungen, die allein den unmittelbaren, kurzfristigen Nutzen im Blick haben? Zugegeben: dies sind zwei äußerst triviale Beispiele. Über diese beiden Erkenntnisse sind wir ja seit über einem Jahrhundert hinweg. Oder?

Noch immer aktuell ist allemal, alles das, was einen kurzfristigen finanziellen Erfolg bringt, als Maßstab für Entscheidungen zu nehmen. Die mitunter gesetzliche Durchsetzung von Standards, die sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren, nimmt man folglich als Verhinderung wahr. In Teilen ist diese Wahrnehmung richtig. Regulation kann immer nur von Standardfällen ausgehen und in der Ausführung trägt sie oft seltsame bürokratisch anmutende Stilblüten. Oft sind Regulationen in ihrer Verabschiedung auch weit von dem entfernt, wie sie in ihrem Entwurf gemeint waren, weil ein Gesetzgebungsprozess viel Einflussnahme von unterschiedlichen Interessengruppen beinhaltet.

Die Frage, die wir uns als Manager aber stellen müssen, ist: warum muss es erst so weit kommen, dass die Politik einen Handlungsbedarf sieht? Wieso gelingt es nicht standardmäßig, Entscheidungen so zu treffen, als wären wir am Gemeinwohl orientiert? Ich sage bewusst, „wir“, denn jede/r von uns, der/die sich in einer Situation befindet, trifft geschäftliche oder auch private Entscheidungen, die irgendwie Auswirkungen auf mindestens einen anderen Menschen haben (also geschätzte 99,99% aller Entscheidungen, die man im Leben trifft). Je mehr Menschen von meiner Entscheidung betroffen sind, desto größer müsste doch meine Gemeinwohlorientierung sein! Im Kleinen, wie im Großen, muss jede/r von uns bedenken, was passiert, wenn die Entscheidung getroffen und der Inhalt entsprechend umgesetzt wird. Dinge, die wir tun, haben immer Folgen. Die Fragestellung lautet darum nie nur: was sollen wir tun? Sondern sie muss immer auch lauten: was passiert, wenn wir etwas mit Erfolg tun?

In der Wirtschaft übersetzen wir Nachhaltigeit heute oft mit der Fähigkeit, am Ende eines Bürotages das Licht auszuknipsen. Wenn das alle im Konzern tun, dann schafft es die Energieersparnis in den Nachhaltigkeitsbericht. Dieser ringt um sogenannte nicht-finanzielle Indikatoren und verursacht bei den Verfassern dieser Berichte oft Kopfschmerzen, denn was bietet sich einem alles so zum Zählen an, wenn die ökonomische Logik bereits im Geschäftsbericht erfasst ist?

Nachhaltiges Wirtschaften entspricht nicht der Logik des reinen Zählens. Es geht hier nicht nur darum, zu wachsen, zu vermehren, zu bereichern. Es geht darum, zu erhalten, zu stabilisieren und zu verbessern, also in diesem Sinne Next Level Management: Allein-ökonomischen Reflexen zu widerstehen. Nachzudenken. Trieben, wie der Gier zu widerstehen. Es geht darum, das Große Ganze zu berücksichtigen und Entscheidungen nicht zu isolieren. Nicht innerhalb des eigenen Systems das Richtige zu tun, sondern sich gelegentlich zu fragen, ob auch das System selbst richtig ist.

Wenn ich nur darauf achte, Schrauben richtig ins Gewinde zu drehen, dann bin ich erfolgreich, wenn alle Schrauben fest sitzen. Wenn ich dann aber sehe, dass ich beispielsweise eine Waffe gebaut habe, deren Zweck es ist, Menschen zu töten, dann sollte ich mich zumindest einmal gefragt haben, ob ich das mit meinem Wertekanon vereinbaren kann. Vielleicht muss ich einen Kompromiss eingehen, weil mir beispielsweise wichtiger ist, meine Familie zu ernähren. Aber auch das will bewusst entschieden sein. Das ist aus meiner Sicht nachhaltiges Denken. Und damit implizit auch nachhaltiges Wirtschaften.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Ich glaube, dass ein Leben in Würde für jeden Menschen gelten sollte und dass unser gesamtes Wirken, inklusive des wirtschaftlichen Wirkens, darauf ausgerichtet sein sollte, jedem Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Ein würdevolles Leben unterscheidet sich dahingehend von reinem Überleben, dass ein Mensch zusätzlich zur Ermöglichung der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie körperliche Unversehrtheit, Gesundheit, Ernährung und dergleichen, auch die Autonomie der Gestaltungsfreiheit des eigenen Lebens hat. Selbstbestimmt leben zu können (natürlich ohne andere in ihrer Freiheit einzuschränken, also stets im Kompromiss, nicht im Egoismus), setzt Bildung und Wohlstand und eine gewisse materielle Sicherheit voraus.

Fair und nachhaltig zu wirtschaften inkludiert im Gegensatz zu konventionellem Wirtschaften diese Erwägung. Ich muss als Unternehmen dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter einen anständigen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Ich muss als Unternehmen gleichzeitig dafür sorgen, dass mein Kunde einen angemessenen Preis für eine Leistung bezahlen – keinen Wucher, keine Flatrates auf Kosten meiner Ressourcen. Dinge haben einen Wert. Der Wettbewerb ist belastend, aber ich muss mich als Unternehmen fragen, wer wirklich das Geld zahlt, das ich für den Wert eines Produktes errechnet habe. Zahlt es jemand, der sich hier Essen, Kleidung, Autos oder Aktien kauft, oder zahlt es das Kind in Bangladesh? Zahlt es jemand, der hier sein Haus in rosa oder gelb tüncht, oder zahlt es ein Kombattant in Syrien? Zahlt es derjenige, der im Winter unbedingt Rosen verschenken muss, oder zahlt es derjenige, der in Afrika der Rosen wegen keinen Mais anbauen darf?

Ich sprach neulich mit einem obdachlosen Mann am Frankfurter Hauptbahnhof. Ich fand ihn schreiend vor, weil er von Passanten gerade physisch gedemütigt worden war. Er berichtete mir, dass er seit Jahren nicht mehr tief geschlafen hat, weil Gewalttäter Obdachlose vorzugsweise im Schlaf heimsuchten. Schlafentzug ist eine Folter. Folter macht Menschen kaputt. Dieser Mensch war traumatisiert. Er suchte eine Bleibe; einfach damit er einmal richtig schlafen könne. Frei sein, um schlafen zu können. Frei sein, um ein Primärbedürfnis zu erfüllen. Jeder, der ihm auf seinem Weg aber helfen wollte, nahm ihm zuerst das eine: die Freiheit. Die Autonomie. Seine Würde. Es ist unvorstellbar, dass er es vorzog, nicht schlafen zu dürfen, als nicht frei zu sein.

Was hat diese Geschichte mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun? Wirtschaft profitiert von Handlungsfreiheit, also muss sie zuallererst die Freiheit des Indiviuums anerkennen und fördern. Unternehmen fordern von solchen Menschen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Disziplin. Und für sich selbst Freiheit. Ich fordere für diese Menschen mehr Freiheit und für Unternehmen mehr Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen, mehr Flexibilität in Zeiten, in denen wir alle einen Weg suchen, der Komplexität unserer Zeit Herr werden zu können. Und ich fordere von Unternehmen vor allem Disziplin. Genauso wie es Disziplin erfordert, sich gesund zu ernähren, Geld zu sparen, geduldig zu sein, Pflichten nachzukommen, erfordert es Disziplin, sich bespielsweise auf Diversität einzulassen. Es erfordert Disziplin, einer Fertigung die Zeit einzuberaumen, die sie braucht, um eine Qualität zu bekommen, die dem Preis angemessen ist. Es erfordert Disziplin, sich der Öffentlichkeit immer und immer wieder zu erklären und die eigene Sichtweise darzulegen, so oft, so ausführlich und gleichzeitig so einfach es geht. Es erfordert Disziplin, Freiheit zu organisieren. Nachhaltig zu wirtschaften bedeutet aus meiner Sicht daher, sich verantwortlich zu zeigen und Teilhabe zu leisten an der Gestaltung würdevollen Lebens, überall dort, wohin unsere Handlungswirkung reicht.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Ich bin insgesamt optimistisch, weil ich glaube, dass es immer mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit gibt, nachhaltig zu wirtschaften. Es gibt einen großen öffentlichen Diskurs, der in Teilen auch den öffentlich wirksamen Druck von Organisationen ablöst. Durch den Zugang zu Informationen, die die neuen Medien uns gestatten, haben wir viel Einblick in die Auswirkungen unseres Tun. Dass wir gleichzeitig eine erhöhte Skepsis am Wahrheitsgehalt der digitalen Quellen hegen, liegt in Teilen auch an der Erkenntnis, dass auch hier sich kriminelle staatliche und nicht-staatliche Kräfte diese Freiheit der Informationsgewinnung zueigen machen und mit selbstreferenziellen Algorithmen, sogenannten Fake News und dergleichen den Eindruck aufrecht erhalten, man läge mit seiner Meinung immer richtig. Das Resultat ist eine sich verbreitende Welle von Anti-Intellektualismus, eine Kapitulation vor populistischen Tendenzen und eine Abkehr der Errungenschaften der sogenannten Political Correnctness, die nichts anderes beabsichtigt, als den Respekt vor Menschengruppen und Demut vor der Komplexität von Phänomenen.

Meiner Überzeugung nach ist das Ziel der Politik wie der Wirtschaft, Menschen Mündigkeit zu ermöglichen. Wirtschaft, die dies durch Big Data unterbinden möchte, ist das größte Negativbeispiel unserer Zeit. Umgekehrt ist der politische, der zivilgesellschaftliche und nicht zuletzt der wirtschaftliche Widerstand gegen eben diese Tendenz das positivste Beispiel, das das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in den Entwicklungen von Informationstechnologie bewirkt.