OMID NOURIPOUR MdB

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Dass damit mindestens die derzeitige Lebensgrundlage gedeckt wird ohne dabei die Fähigkeiten künftiger Generationen, ihren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, einzuschränken. Das bedeutet soziale und ökologische Verantwortung zu tragen. Es geht insofern nicht nur um den Schutz unserer Umwelt, sondern beispielsweise auch um Teilhabe und das inkludiert beispielsweise die Nutzung von Wohnraum, faire Löhne, etc. Wachstum und Wohlstand dürfen weder auf Kosten unserer Umwelt noch unserer Mitmenschen erwirtschaftet werden. Wir brauchen dafür einen Paradigmenwechsel und ganzheitliche Strategien: technische Innovationen, neue Geschäftsmodelle und Produktionsweisen aber auch ein verändertes Konsumverhalten sind dabei entscheidend.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Es fällt mir schwer es an einer Sache festzumachen. Soziale Sicherheit, menschenwürdige Arbeit, Gleichberechtigung, Bildung, Gesundheit sowie sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass Menschen in Würde leben und ihre Fähigkeiten entfalten können. Politik und Wirtschaft stehen in der Verantwortung sich mindestens für all das stark zu machen. Demokratie und gute Regierungsführung sind damit eng verbunden.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Es gibt tatsächlich bereits zahlreiche Beispiele in der sogenannten Kreislaufwirtschaft bzw. der sharing economy. Von konventionellen „Wegwerfgesellschaft“ hin zur dauerhaften, fortlaufenden Nutzung verfügbarer Werte.

Ich sehe da auch die Politik in der Verantwortung die richtigen Anreize zu schaffen. Spontan fällt mir ein Beispiel aus Schweden ein. Dort gibt es eine tolle Initiative, die die Mehrwertsteuer für Reparaturarbeiten deutlich senkt. Das wirkt sich positiv auf den Arbeitsmarkt sowie auf die Müllreduktion aus.

OLIVER BOMSDORF

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Bedauerlicherweise ist der Begriff der Nachhaltigkeit mittlerweile derart vergiftet, dass ich der Frage nicht traue.

Ich bin davon überzeugt, dass im Mehr und Jetzt Nachhaltigkeit nurmehr ein Marketing-Gag ist, der die wunderlichsten Blüten treibt. Unter der Prämisse des Wachstums, kann es keine Nachhaltigkeit geben, denn täglich müssen hierfür mehr Ressourcen verbraucht werden. Insofern ist nachhaltiges Wirtschaften unmöglich. Unternehmen, die dennoch von „Nachhaltigkeit“ sprechen, missbrauchen den Begriff. Sie machen sich über ihn lustig.

Das Schlimme ist, den meisten Tätern im Missbrauch des Begriffs, fällt dieser nicht einmal auf – das Marketing um ihn funktioniert. Singles im Hybrid-SUV halten ihre CO2-Weste für weiß, wenn sie nur Grün wählen. Und Unternehmen, die für ihre absurde Kommunikation Serverfarmen nutzen, deren Energieverbrauch schlicht obszön ist, glauben nachhaltig zu wirtschaften, wenn sie ihren Mitarbeiter/-innen untersagen, eine E-Mail auf ein Blättchen Papier aus – Achtung – nachhaltiger Forstwirtschaft zu drucken.

Solange Konkurrenz unser Unterbau und Wachstum das einzige Ziel des Wirtschaftens ist, spielt es keine Rolle, ob der ständig wachsende Energiebedarf aus Windrädern oder Sonnenpaneelen gedeckt wird. Beide wachsen nicht auf Bäumen und man benötigt folgerichtig Rohstoffe, deren Endlichkeit durch die Nachhaltigkeitsdebatte übertüncht wird. Nachhaltigkeit kann es nur geben, wenn man nicht ständig mehr will. Das ist so einfach wie vollkommen aus unseren Köpfen. Emissionen sind nicht unser Problem, die Plünderung unserer Ressourcen ist es.

Nur wenn die Konkurrenz, die in der Muttermilch oder im Trinkwasser verankert zu sein scheint, aus unseren Grundstrukturen endlich der Solidarität weicht und wenn Stillstand und Reduktion gesellschaftlich anerkannte Güter sind (wir brauchen ja den ganzen Plunder um uns herum nicht einmal), kann man beginnen, über nachhaltiges Wirtschaften zu sprechen. Aber das wäre in einer solidarischen Gesellschaft, die sich ihrer Ressourcen bewusst ist, ohnehin an der Tagesordnung.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Jedes menschliche Bedürfnis sollte in der Wirtschaft berücksichtigt werden. Aber auch diese Frage ist im Mehr und Jetzt obsolet. Der Mensch braucht drei Dinge: Ein Dach über’m Kopf, Nahrung und Würde. Unternehmen haben an der Würde ihrer Mitarbeiter/-innen kein Interesse, denn dann müssten sie ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die Grundversorgung stellen sie bestenfalls her, aber selbst das ist nicht mehr gewährleistet. Auch hier steht der Gedanke des ständigen Wachsens logischerweise der Menschlichkeit im Weg. Man kann nur entweder seinen Gewinn mehren oder ihn teilen. Vor Absurditäten wie dem Dieselgipfel oder G20 muss wohl nicht erklärt werden, was zur Zeit Vorrang hat.

Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

Die Schweizer Bahn vielleicht. Sicher die GLS-Bank und das Mietshäuser Syndikat sowie selbstverwaltete Betriebe in Südeuropa und Südamerika. Leider muss man positive Beispiele suchen, seitdem es kein konkurrierendes System mehr gibt. Mit dem Gegenmodell beim bösen Russen, musste die Marktwirtschaft ja noch „sozial“ heißen – sie wollte ja als das überlegene System gefeiert werden. Nun ist sie nicht mal mehr freundlich gesonnen.

MARINA PLOGHAUS

Was verstehst Du/Sie  unter fairem und nachhaltigem Wirtschaften?

Ich möchte die Frage auf aktuelle wirtschaftliche Prozesse beziehen. In der Textilindustrie sehe ich wenig „faire“ Arbeitsbedingungen. Ich denke, dass wir das Thema global angehen müssen. Faire und wahrheitsgemäße Angaben zu Produkten für den Verbraucher  vermisse ich bei der Automobil-Industrie. Es wird nicht bis zum Ende der Kette gedacht! Auch das gehört zum Nachhaltigen Wirtschaften. Nicht nur schneller, höher, besser – das ständige Wachstum vor Augen, sondern auch Ressourcen- Gewinnung, – Verbrauch und Recycling  vor Augen haben.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Alle Menschen sollten ihr Auskommen haben. Es geht nicht um die Maximierung der Gewinne einzelner Personen oder Personengruppen.

Gibt es aus Deiner/Ihrer  Sicht schon positive Beispiele?

Einige Firmen bemühen sich durch CSR-Projekte einen Teil des Gewinns für die Gesellschaft einzusetzen. Aber so eine „Muster-Firma“, bei der alles „stimmt“, kenne ich nicht.

Marina Ploghaus