CHRISTOPHER SCHMITZ

Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Um es in einem Wort zu sagen: PRAXIS. Seit dem legendären Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) ist einer größeren Öffentlichkeit die Problemlage und die Notwendigkeit zu einem nachhaltig(er)en Wirtschaftsmodell bekannt. Spätestens in der Schule weiß jede*r, dass es der Umwelt schlecht geht, dass der Planet am Ende ist und der westlich zelebrierte Konsum mindestens bedenklich ist. Allerspätestens bemerkt man dann als Erwachsene*r, dass es seltsam zugeht an den durch zahlreiche kritische Reportagen dokumentierten Massenschlachthöfen, -viehställen oder Textilfabriken in Bangladesch. Die Externalisierung von Kosten auf die Umwelt und Allgemeinheit ist ein bekanntes Problem und wird seit Beginn der Industriegesellschaft in zunehmenden Maße ausgeübt. In diesem Zusammenhang muss auch der Zuzug von Geflüchteten als ein historisches Ergebnis selbst verursachter, jahrzehntelanger Ausbeutung und Externalisierung erkannt werden.

Das Problem: All dieses Wissen sorgt nicht für einen Wandel im Alltag, in der Lebensführung der Einzelnen, in der Unternehmensführung global agierender Unternehmen, in der Ausübung tatsächlich verändernder Handlungen. Es existiert ein „Gap“ zwischen Wissen und Handeln (Kognitive Dissonanz). Und obwohl klassische Bildungsarbeit unabdingbar ist, kann sie allein nicht ausreichen, um wirkliche Veränderung zu erwirken. Ein Bremsklotz unter vielen scheint die ausufernde Verzichtskommunikation zu sein, die automatisch auf den Plan gerufen wird, wenn es um nachhaltige Lebensstile und nachhaltiges Wirtschaften geht. Es muss gelingen dieses Vorzeichen umzudrehen und eine Narration entstehen lassen, die sagt: „Wir verzichten nicht, wir gewinnen durch…, dies und das…jenes“. Es gibt Grenzen der Aufklärung und Dissonanzen, die lediglich unsere kognitiven Strukturen erreichen, können durch Illusion und Verdrängung überwunden werden, weshalb wir mit unseren inneren Widersprüchen sehr gut klar kommen können. Nachhaltiges Wirtschaften ist keine Einzelmaßnahme oder ein Paket von technologischen Lösungskonzepten, sondern eine ganz und gar ehrliche Einstellung zu sich selbst und somit zu anderen. Nur diese reflexive Geste macht eine nachhaltige Lebensführung nachhaltig möglich und verpufft nicht bei der nächstbesten Konsumversuchung.

Für mich fängt daher nachhaltiges Wirtschaften zwar im Kopf an, entscheidend ist allerdings die Tat und deshalb gibt es gar kein Problem in der Theorie, aber eine riesige Aufgabe für die Praxis.

Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Passend wie das Blog benannt ist, sollte sich Wirtschaft wieder (überhaupt) mehr um „den Menschen“ als freies, soziales und partizipierendes Individuum kümmern und nicht um den Profit einiger weniger Menschen. Dabei spielt es nicht so sehr eine Rolle welches Bedürfnis nun das wichtigste ist, sondern vielmehr dass der Mensch in seinem Grundrecht auf Unantastbarkeit der Würde be- und geachtet wird. Die Wirtschaft ist auch dem Gemeinwohl verpflichtet, denn sie profitiert ebenso von Infrastrukturen und gemeinwohlorientierten Sicherungs- und Leistungssystemen.

Gibt es aus deiner Sicht schon positive Beispiele?

Derzeit gibt es viele (erfolgreiche!) Bewegungen, die theoretisch und auch praktisch über Möglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftens nachdenken und Projekte starten:

– Neue Genossenschaftsmodelle

– Veranstaltungsreihe: Netzwerk Plurale Ökonomik

(https://www.plurale-oekonomik.de/netzwerk-plurale-oekonomik/)

– Degrowth-Bewegungen (https://www.degrowth.info/de/was-ist-degrowth/)

– Stadpolitische Bewegungen, z. B. „Recht auf Stadt“ (http://wiki.rechtaufstadt.net/index.php/Start)

– Urban-Gardening-Bewegung, z. B. in Frankfurt (https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=3051&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=19284341)

– Neue Impulse zur Debatte um bedingungslose und soziale Sicherung aller Menschen, um gesellschaftlichen Teilhabe zu ermöglichen, z. B. Grundeinkommensbewegung

– Ideen zur Stärkung von Gewerkschaften

– Die Schaffung neuer sozial-ökologischer Erzählungen ohne Verzichtsdoktrin durch die Stiftung FuturZwei unter der Federführung von Harald Welzer (https://futurzwei.org)

– Bewirtschaftung von Gemeinschaftsgütern oder Commons-Bewegung. Gemeint sind nicht nur landwirtschaftliche Ressourcen, sondern auch digitale Commons, so z. B. Open Sources wie Wikipedia etc. (https://commons-institut.org)

HORST BERTRAM

  1. Was verstehst Du unter nachhaltigem Wirtschaften?

Die konsequente Neuausrichtung der sozialen Marktwirtschaft an den drei Prinzipien der Nachhaltigkeit – Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Alle drei Prinzipien sind untrennbar verbunden.

  1. Was ist das wichtigste menschliche Bedürfnis, das in der Wirtschaft Berücksichtigung finden sollte?

Schaffung gerecht bezahlter Arbeitsplätze für alle Menschen – gleiche Chance bei der Weiterbildung. Unternehmer sollten sich wieder als „ehrbare Kaufleute“ definieren und entsprechend handeln.

  1. Gibt es aus Deiner Sicht schon positive Beispiele?

NGOs leisten hervorragende Arbeit um den nötigen Wandel auf vielen Gebieten anzustossen.